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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 719

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
719 (sequence 16)
Language
German
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Der Värstoßenö fjig ■% ■ In dieser Stunde erzitterte die Hülle der zarten Seele, und ganz Schifcbusch wurde plötzlich mit einem Mal aus ihr herausgeschnitten. Eine Sehnsucht, mit der die Leute von Schibbusch niemals begnadet worden waren, begann in seinem Herzen aufzuglühen und leuchtete aus seinen Augen, die sich mit der Thora abmühten, und sie suchte, was darüber war. Aber seine zarten und verwöhnten Finger erblindeten und tasteten im Weltraum umher, wie ein Blinder im Finstern tastet. Und von nun an und weiter ergoß sich eine Art Schwermut in ihn, und die Trauer der Welt hüllte und kränzte die Lieblichkeit seines Antlitzes. Rabbi Awigdor spürte diese Veränderung. Er sah und wußte nicht, was er sah. Er dachte, vielleicht würde, Gott behüte, wiederum das Herzklopfen seinen Enkel heimsuchen, an dem die Mutter, Friede über ihr, gestorben war. Er fragte: was ist das? Da antwortete ihm der Sendling, daß er nichts sehe, Sie beschäftigten sich mit der Thora, und alles ginge seinen richtigen Weg. Rabbi Awigdor aber beruhigte sich nicht. Er ging zu Gerschom und fragte ihn, ob er etwa wieder unter jenem Herzklopfen litte. Gerschom wußte, daß sein Großvater alt war und es für ihn kein Verlangen mehr gab; sein Leben war schon vergangen in der eifernden Thora, und nichts würde ihn mehr zu der wahren Wurzel zurückbringen können, und er antwortete ihm, daß alles Gottlob sei, wie es sollte. Er habe weder Schwäche noch Herzklopfen. Aber als Rabbi Awigdor sich wegwandte, da stand Gerschom und schrie vor Gott dem Barmherzigen mit zerbrochenem Herzen und mit Tränenströmen: Herr aller Welten! Ach, wenn doch mein Herz klopfte! Dieses Herz, das du mir gegeben hast, klopft es denn? Nein, es ist versteckt vor deinem großen und furchtbaren Namen und eingeschrumpft, während es schreien müßte aus starker Liebe zu dir, Gott, zu dir! Und der Heilige, gepriesen sei er, ändert die Zeiten und wechselt zwischen Tag und Nacht. Tage vergingen und Tage kamen, und die Körper der Halachoth gingen und räumten den Platz für ihre Seelen. Und auch Gerschoms Körper ging und räumte den Platz für seine Seele. Er vermochte es nicht mehr, die Last seiner Seele zu ertragen. Aber er ging nach den Wegen der Rechtschaffenen und wurde immer vollkommener in seinem Lernen, und schon hatte er die fünf Bücher der Thora fertig gelernt nach den Wegen der Rechtschaffenen. Aber weiter lernte er nicht mehr. Keine Rede, keine Worte. Er saß im Zimmer eingeschlossen, versteckt in der verbergenden Hülle seiner Seele. Gottes Geheimnis war über seinem Zelt, und er saugte von dem heiligen Denken. Zwischen den Abschnitten stand sein Lehrer auf und machte Gewänder und Kronen für die heiligen Worte, und Tage auf Tage saßen sie ohne Rede und ohne Worte. Gottes Geheimnis war über ihrem Zelte, und die Schechinnah ruhte zwischen ihnen. Manchmal horcht Gerschoms Herz, 47"

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