Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 717 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene Inzwischen hob Rabbi Awigdor seine beiden Augen aus dem Buch und begann mit vielen haarscharfen Worten einen PilpuL Rabbi Meschullam antwortete nach ihm und durchschweifte die ganze Halachah, bis er zu dem Ort zurückkehrte, von dem er ausgegangen war, und sprach: Ich hätte nicht so gesagt, sondern... Er hatte noch nicht Zeit gehabt zu enden* da trat Gerschom in das Dickicht der Sache ein und begann mit seinem Vater und Großvater zu disputieren. Hügel über Hügel von Halachah und Belesenheit! Und der Sendling sitzt still und hört zu. Das "Reine machen sie unrein, sie lassen Berge von Deutungen sich erheben, aber niemand trachtet, die Seele zu erheben. Da zog auch er aus, mit ihnen um die Thora zu kämpfen. Zuerst hatte er ihnen die Thora zeigen wollen, deren Wege Wege der Lieblichkeit sind. Aber er sah, daß hier nicht der Ort sei und dies nicht die Stunde, denn sonst würde der Vorsteher sein wahres Wesen erkennen und ihn vertreiben. Bis zum Sabbathausgang würde er ihn vielleicht lassen, aber gleich nach der Hawdala würde er ihn aus dem Hause treiben. Aber er, der Sendling, hatte im Sinn, noch hier zu sein, ja es war Pflicht, hier zu bleiben, denn er roch an dem Krug des Sohnes und sah, daß er ein kostbares Gefäß war und fähig, Reinheit zu empfangen, und es war seine Schuldigkeit, eine Seele aus Israel zu retten. Darum verbarg er seine Taten, verheimlichte seine Wege und verschloß seine Thora in seinem Innern und gab gleichgültige Antworten und tat gelehrt und führte sich auf wie einer von ihnen, nämlich wie ein umherziehender Gelehrter, wie man sie an allen Orten der Zerstreuung Israels findet, bis die rechte Stunde kommen würde, seine Sonne von ihrer Hülle zu befreien. So verging ihnen der heilige Sabbath. Als der heilige Sabbath vorüber war und für den Sendling die Stunde der Trennung, gekommen war, fand er einen Vorwand für sich, um in Schibbusch zu bleiben. Rabbi Awigdor stimmte ihm zu, ja er freute sich sogar darüber. Ein solcher Gelehrter kam in den Schatten seines Gebälkes, warum sollte er so eilen, sich von ihm zu trennen! Im Gegenteil, er soll noch etwas ausruhen, siehe, mein Haus steht dir offen, sitze, wo es gut ist in deinen Augen! Da freute sich der Sendling und sah eine Art Beistand vom Himmel darin. Jetzt, da ihm dieses gelungen war, würde es ihm, so Gott will, auch glücken, die Lehre seines Rabbi zu verkünden. Der Gott seines Lichtes und seiner Hilfe würde sein Licht und seine Wahrheit schicken, viele Seelen für sie zu gewinnen. Und nicht nur dies: der Enkel des Vorstehers würde viele Seelen aus Israel aufwiegen. Im Grunde gibt es keinen Unterschied zwischen Juden und Juden, aber einen großen Unterschied gibt es zwischen Seele und Seele, und wie es in der Welt Seelen gibt, bei denen die Quelle ihrer Bildung der Kopf ist, so gibt es wiederum Fersenseelen, solche, deren nährende Wurzel nur von der Ferse und darunter ausgeht, und auf solche Heft 12 47