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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 716

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
716 (sequence 13)
Language
German
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S. j. Ägnon: IX. Kapitel Aufstieg Zuerst hatte der Sendling die Stadt gar nicht betreten wollen. Er wußte, daß ihre Bewohner richtige Schibbuscher waren, und obwohl ihr Herz für die Thora weit offen war wie das Tor eines Lehrhauses, so drang doch die Einfachheit der Thora gar nicht in sie, und wie sollte es ihm glücken, Gottesfurcht und Freude am Gebot in ihnen anzufachen? Aber da unterwegs die Dunkelheit nahte und der Freitagabend in der Dämmerung sich immer näher tastete, nahm er sein Bündel und schleppte sich ins Lehrhaus und kauerte sich dort in einen Winkel, und der Tag ward heilig über ihm. Nachdem das Abendgebet beendet und der Abschnitt „Womit zündet man" gesprochen war, sammelten sich viele Thorajünger zu einem Gespräch über Thora. Sie begannen einander in einer Halachah zu widerlegen, die einen sprachen so und die andern sprachen so. Alle mühten sich ab und vermochten nicht, zu einem Ende zu kommen. Da gesellte sich auch der Sendling zu ihnen, mischte sich unter die Disputierenden und äußerte seine Meinung. Und sie machten ihre Ohren wie Trichter und sahen, daß die Halachah war, wie er sagte. Rabbi Awigdor richtete seine Augen auf ihn und erkannte, daß er ein großer Gelehrter war. Er drang in ihn, den Sabbath in seinem Hause zu verbringen. Der Sendling ließ sich erbitten und folgte ihm. Der Sendling schaute auf das Gehaben des Hausherrn. Nie noch hatte er solches gesehen. Er saß am Kopfe des Tisches, ganz in ein Buch versenkt, und sein Schwiegersohn saß ihm zur Seite, ganz versunken in sein Buch. Ihre Stirnen zeigten Falte an Falte, und Schweißtropfen träufelten in die Suppe herab, die man ihnen vorgesetzt hatte. Die Augen der Königin Sabbath schauten in vielem und starkem Erbarmen aus der Suppe auf sie, aber sie achteten gar nicht darauf. Und rings um sie saß die Schar der Kinder sittsam und wartete, bis die Großen anfangen würden, und die Nüchternheit des Alltags strömte von ihnen aus. In jener Stunde dachte der Sendling an seinen heiligen Rabbi, viele gute Tage möge er leben! Wenn nach Mittag der Vorabend des heiligen Sabbath nahte, hängte er seine Alltagsseele an den Nagel in der Wand, damit sie nicht, Gott behüte, die Heiligkeit der Sabbathseele entweihe. Die Augen des Sendlings füllten sich mit Tränen: Herr der Welt, warum, wehe, warum, warum hast du mich vertrieben von meiner Zuflucht beim* Teil der Gerechten, und mich gezüchtigt, daß ich meine Füße in öder Wüste zerfetzen muß. Und ich dachte noch, ich ziehe durch die Welt, um die Demütigen der Erde zurechtzuweisen und sie in den Wegen der Gerechtigkeit zu führen um deines Namens willen, und versagte meiner Seele alles Gute und mäkelte nicht an Gottes Wegen, fern sei es, und jetzt sieh nur, sieh, mein Vater, fast ist mein Geist im Gemeinen verzehrt und meine Seele vom Werktag verschlungen.

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