Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 711 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 711 VIII. Kapitel Sehnsucht nach dem Zaddik oder am Scheidewege i. Im Finstern. Obwohl sie gestern abend lange beim Mahle gesessen hatten, war Gerschom nicht träge und weckte die Morgenröte mit seinem Lernen und ließ nur eine kleine Weile vom Lernen ab, einen Honigkuchen zu kaufen, um die Schwäche seines Herzens zu vertreiben. Und auch diese kleine Unterbrechung machte er nicht aus eigenem Willen, sondern auf Geheiß seines Vaters, denn sein Vater hatte es ihm so befohlen bei dem Gebot: Ehre deinen Vater. Thora ist in der Welt, und man darf seine Tage nicht mit Nichtigem füllen. Thora ist in der Welt, und lernen muß er. Und so lernte Gerschom, bis seine Kraft nachließ und seine Lippen vom Lernen welk wurden. Und als er die Schwäche seiner Kräfte fühlte, nahm er das Buch seines Großvaters, um seine Kräfte zu stärken, und schaute auf das Vorwort des Verfassers, in dem viele schöne Wendungen und anmutige Reden sich verschlangen. Und er las die Aufzeichnung seines Stammbaumes, las immer weiter bis zu den ersten Generationen, ausgezeichneten Gaonim, berühmten Männern, die ihre Seele hingegeben hatten für die Heiligung des Namens. Aber wenn er seinem Herzen ein weltliches Ziel setzte, dann zog sich eine sehr große Trauer auf ihn. Zwar Gerschom brauchte viele Mittel, sie von seinem Herzen fortzulenken, und wenn die Weise der Trauer ihn überfiel, so zog er sie zur Gemarah hin, und er lernte mit klingender, lieblicher und süßer Stimme, bis er in der Seele des Hörers die Liebe zu Gott und den Willen zur Weisheit und Zucht aufweckte und wach machte. Seine Nächte verschwanden wie ein Gedanke, und die Sommertage wie ein Schatten, der sich neigt. Manchmal am Nachmittag kam sein Vater ins Lehrhaus und befahl - ihm bei dem Gebot „Ehre deinen Vater", er solle ein wenig herausgehen, um reine Luft zu schöpfen. Gerschom gehorchte ihm und ging hin und her spazieren, und unterwegs kehrte er auf einem Friedhof ein, wo die Gebeine seiner heiligen Ahnen geborgen waren, um auf ihren Gräbern zu baden. Die Schöpfung lächelte ihn an. Die Sonne schmückte die ganze Welt, Bäume und Sträucher standen in ihrer Schönheit und das Feld läßt liebliche Düfte emporsteigen. Aber wenn die Ruhe des Glaubens fehlt, was nützen und was helfen alle Geschenke der Schöpfung! Und gerade in diesen schönen Tagen sehnte sich Gerschom nach den Tagen des Winters, wenn die Erde in Schnee gehüllt war. Vielleicht würden durch Umwälzen im Schnee seine Sünden sich abscheuern, und es würde ihm leicht werden. Und Gerschom wußte noch nichts von dem wahrhaften Lichte der 2faddikim.