Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 712 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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712 S. J. Agnon: 3. Sie erwarten den Tag der Freude, und er kommt nicht. Sind nicht die Befehle Gottes gerade und erfreuen das Herz? sagte ihm ein Jüngling im Lehrhaus; aber jetzt sehe ich, daß du lernst, und dein Antlitz ist voll Unmut dabei! Gerschom seufzte von Herzen: Ich denke daran, wenn ich früher ein Blatt Gemarah lernte, wurden meine Augen licht, aber jetzt, was soll ich sagen und was erzählen, Gott hat Sünde bei mir gefunden. Und beim Sprechen flössen Bäche und Ströme von Tränen zwischen seinen dunklen Augenwimpern hervor, denn er fühlte seine weite Entfernung von Gott, er sei gepriesen, und von seiner heiligen Thora. Denn er spürte nicht mehr den wahren Geschmack in seinem Lernen und hatte keine Fröhlichkeit und Erquickung von seiner Weisheit, und erschien sich verlassen und beschämt. Der Heilige, er sei gepriesen, hatte ihm doch zuvor ein wenig Ruhe gegeben und ihn ein wenig erhoben, aber in Wahrheit hatte er ihn nur erhoben, um ihn noch stärker hinzuwerfen. Gefallen ist sie, steht nicht mehr auf, kam ihm ein Bibelvers in den Mund, vom hohen Dach in die tiefe Grube. Viele Male versuchte er in die Bücher der Frommen und Gottesfürchtigen zu schauen, ob vielleicht Gott ihm sein Licht und seine Wahrheit schicken würde. Aber kein Trost war da für seine Seele. Der Mensch sieht nur mit den Augen. Und alle, die ihn sahen, sprachen: Gerschom reibt sich auf mit der Thora. Und sie priesen sich seinetwegen und setzten ihre Zuversicht auf ihn. Nur die Leute der Sekte wiegten den Kopf und wiesen mit Fingern auf ihn: Der Fluch des Zaddik! Der Fluch des Zaddik wirkt! Aber wem glich Gerschom? Einem Stück Seide, das der Schneider nimmt, und er schneidet es in Stücke und macht ein schönes Gewand daraus. Hätte er es nicht zuerst zerschnitten, so hätte er kein Gewand daraus machen können. Rabbi Awigdor sprach zu Rabbi Meschullam, seinem Schwiegersohn: Vielleicht ist es für Gerschom besser, daß er nach der Jeschiwa reist, als daß er hier bleibt. Wer den Ort ändert, ändert das Geschick, und er wird sich vielleicht nicht mehr in diese seltsame Trauer hineinbohren. Die Tage der Hochzeit sind noch fern. Obwohl es Rabbi Meschullam hart war, sich von seinem Sohn zu trennen, wiegte er den Kopf und stimmte zu. Aber die Reise wurde von Tag zu Tag verschoben, denn es mehrten sich in der Stadt die Chassidim, die Aufwiegler, und sie gaben im nahen Dorf SenwilBerisch, dem Schächter, Wohnung, den Rabbi Awigdor aus seinem