Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Koheleth
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 703 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Kotieletii deutung zu begreifen. Aber zu Anfang schon ist der Dualismus Mensch und Welt gesetzt; er versöhnt sich wohl in der Gottheit, wird aber nicht aufgehoben. Daher ist das Dasein als Ablauf selbst: Eitelkeit der Eitelkeiten. Dasein aber als Kraft (natura naturans) ist lebendiger Gott. Dies bleibt das ewig Rätselhafte an der Lehre des Predigers. Welt 'und Mensch bringt er nicht zur Einheit, aber er einigt beide im persönlichen Gott: ein geheimnisvolles vielverschlungenes Philosophen^ Das philosophisch Konsequente wäre der Pantheismus gewesen. So aber wäre die Personalität Gottes nicht zu erhalten. Die letzte philosophischmetaphysische Lösung bleibt dieser Weltdeutung daher versagt, sie ist eine religiöse Metaphysik. Zwar ist auch ihre Welt die Schöpfung Gottes, aber nicht mehr „die kreatürlich gemachte Wesenheit Gottes", wie es der deutsche Mystiker Boehme so sinnig genannt hat. Religiöse Weltdeutung, nicht mehr Philosophie, ist das Schlußwort des Predigers. So schreitet er in fast magischer Konsequenz aus Weltschmerz und Pessimismus durch eigenste Zwecksetzung des Daseins zum reinsten religiösen Erlebnis. Drei Stadien zeichnen diesen Lebensweg: chaotische Weltverlorenheit; Weltverklärung in den noch rein subjektiven Werten und Ideen; Ruhe in Gott. — Dazwischen fließt die lebendige Entwicklung einer großartigen Persönlichkeit; alle philosophischen und menschlichen Grundthemen bewegen sein Herz. Zur Einheit findet er sich im Antlitz Gottes; Gott aber ist ihm das eigenpersönliche ewig unerschöpfliche Wesen der Religionen. — Wiederum flutet die Welt als ungeheures Spiel jenseits des subjektiven Erlebnisses. Ihrer Unendlichkeit gegenüber findet sich der Mensch in der Unendlichkeit Gottes geeint. Aber die Unendlichkeit der Welt ist für den Menschen nicht reine Wesenheit Gottes; sie ist wohl Gottes Werk, als solches immanent gerecht, aber nicht die Gottheit selbst, ebensowenig wie das Seelenleben des Menschen. Nur die Weltgesetze und Seelengesetze, gleichsam Universalien, ruhen in der Gottheit. Die Gottheit ist das Weltprinzip, nicht aber das tausendfältige vergängliche Weltgeschehen. Eitelkeit der Eitelkeiten, spricht der Prediger, alles ist eitel. Auch die Erkenntnis des Menschen, sein Geistesdrang nach Einheit ist eine gewaltige Welle nur der Lebenskräfte. Die Erkenntnis darf nur dem Leben, dem Universum dienen, das ist die Gottheit. So wird dem Prediger jede Welterkenntnis zur höchsten Lebenskunst; einzig würdiger Gegenstand bleibt Gott, d. i. die Unendlichkeit der Welt Man beachte diese ungeheure Modernität. Alle philosophischen Weltprobleme sind hier aufgewühlt, sie werden religiös abgewandelt und erscheinen im neuen Gewand. Schließlich finden Welt und Menschendasein im persönlichen Gott der Religiosität ihre innerste Rechtfertigung. Dies trennt den Prediger vom reinen Pantheismus, vom universalistischen Optimismus der philosophischen Renaissance. Ein ungeheures Seelendrama spielte sich ab, ein Denkerdasein, dem nichts Menschliches fremd geblieben ist Chaos, Leidenschaft, Geist, Kunst, 46*