Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Koheleth
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 704 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106268--4670-3106308- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1H S. J. Agnöni Sittlichkeit, Religion: dies sind die Stufen seines Lebenswegs. So bewährt sich auch hier die philosophische Einsicht, daß erst im religiösen Erlebnis irgendwelcher Art der menschliche Gedankenbau den letzten erlösenden Schlußstein finden kann. Denn Religion ist nichts als Sehnsucht zum „Urquell der Wirklichkeit". Man betrachte die philosophischen und künstlerischen Systeme des menschlichen Geistes daraufhin und staune vor dieser seltsamen seelischen Konsequenz. Zu innerst orientalisch und jüdisch bleibt der Zentralbegriff der Gottheit dem Abendland gleichwohl vertraut, aber als Träger der Weltversöhnung aus orientalischem Geiste geboren. Nur von ihr findet der Prediger zur Welt und zum eignen Herzen zurück. Er ist der faustische Mensch des Morgenlands. S. J. AGNON I DER VERSTOSSENE (Aus dem Hehr (tischen von Max Strauß) VII. Kapitel Beim Mahl l. Die Dankmahlzeit. Rabbi Awigdor wollte das Herz seiner Hausgenossen ergötzen; er dachte nach und fand, daß sein Schwiegersohn ins sechsunddreißigste Jahr trat, und es ziemlich war, eine Dankmahlzeit zu machen für Gott, er sei gepriesen, daß er geschieden war von der Schar der „Menschen der Bluttat und des Truges, die nicht die Hälfte ihrer Jahre erreichen". Er machte sich auf und befahl dem Gemeindediener, die Verwandten zu einem Segensbecher am Abend einzuladen, und Zlatte, die Magd, schickte er mit Leckerbissen zum Hause der Braut. 2. Menuchah. Im großen Saal, wo der glänzende Spiegel war, stand Menuchah, die Braut Gerschoms, und wie vornehme Töchter vor ihrer Brautschaft zu tun pflegen, zog sie viele Kleider über, eins nach dem andern, zog ein Kleid an und ein anderes aus, zog ein Kleid aus und ein anderes an, schmückte sich mit ihrem Schmuck und beschaute sich dabei im Spiegel. Und die Magd, berauscht vom Duft ihres zarten Fleisches, spuckte dreimal auf ihr Spiegelbild wider ein böses Auge. Die keuschen und frommen Töchter der Stadt, ihre Freundinnen, kamen herein, um der Braut zu helfen und ihr über Kleider und Schmuck raten. Eine erzählte: Der Vater ist aus dem Lehrhaus zurückgekommen und hat gesagt, daß der Landesrabbiner den ganzen Tag über mit Gerschom disputiert hat. Und ihre Freundin fügte hinzu und sprach: Und nicht nur 'das, sondern der Rabbi hat ausdrücklich gesagt: Mein ganzes