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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 702

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Koheleth
Date
1920-01-01
Page
702 (sequence 7)
Language
German
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Hermann Weyl: immer getragen vom religiösen Gefühl. Nur scheinbar paradox werden nun auch Trauer und Unmut Wege zur Freude. Denn jetzt heißt Freude: höchstes Weltverstehn, alles aus der Gottheit begreifen. Maaßeh Haelohim (das göttliche Weltwirken) ist der neue Weltbegriff, sein ewiger Vollbringer die Gottheit, der Weise aber sein irdischer Nachwandler. Rausch der Leidenschaft, früher seligstes Sichvergessen im Weltwirbel, wird jetzt Torheit und Wahn; denn edel, gerade (jaschar) ist das menschliche Bewußtsein gebaut, es irrt aber ab und sucht Berechnungen. Der Weise allein ist der wahre Spiegel der göttlichen Welt. Die Naturgesetze erkennt er als göttlich, nicht mehr als starr kausal, eine letzte .Gerechtigkeit spricht sich in ihnen aus. Die Weltgerechtigkeit wird zur Erscheinung der Weltvernunft: eine Art objektiver Geist, wirksam in dem unendlichen, aber harmonischen Weltgeschehen. Auch der Mensch, als Spiegel der Natur, soll letzten (hier natürlich sittlichen) Gesetzen gehorchen. Der Weltlauf mag menschlichem Ermessen unverständlich und ungerecht erscheinen, eine letzte, Menschen unzugängliche Weltgerechtigkeit umfaßt alles und bleibt selbst dem Weisen für immer verborgen. Das wahre Wesen des Daseins, als göttlich wohl erkannt und erlebt, als gerecht und allumfassend, kann in seinem inneren Getriebe selbst vom Weisesten nicht gedeutet werden. Dies wird die höchste Resignation. Aber sichere Erkenntnis ist dem Prediger: die Hand Gottes (Jad haelohim) schafft in allem, im Menschen und im kosmischen Geschehen. Die Gottheit versöhnt Seele , und Welt. Diese kindlichste Religiosität wird dem Prediger zur letzten Wahrheit. Aber der titanische Drang seines Denkens offenbart sich in seinem Ideal des Weisen. Nicht wie der Primitive passiv dem Weltgott vertrauend, sondern fast tragisch vom starren Weltgesetz erfüllt stellt er den Weisen dar, wie er die'Unendlichkeit seiner Seele, in Freude und sittlicher Tat, im Dasein stets neu" bewährt und schöpferisch gestaltet. So vereinigt er den Kultus der großen Persönlichkeit mit größter Demut vor Weltgeschehen und Weltenkraft. Nicht etwa wie der Uebermensch Nietzsches schafft er ganz in Willkür, ohne nach der Natur der wirklichen Dinge zu fragen, als menschlicher Wille in der Natur, im freien und gewaltsamen Willensrausch; ein Dualismus zwischen Mensch und Welt bleibt bestehen. Nur in der Gottheit werden sie beide versöhnt; sie wird Bürgschaft für die immanente Gerechtigkeit der Welt. Das Weltgesetz ist als wissenschaftlich und sittlich zugleich erkannt. Der Mensch, jetzt Spiegel der Welt und der Gottheit zugleich, folgt physisch den Gesetzen des Weltgeschehens, seelisch den Gesetzen der Sittlichkeit. Die Weltgerechtigkeit spiegelt sich in der Gerechtigkeit des Menschen. In Gott wird die sittliche Weltordnung begründet. — Kein Ziel, keine Verheißung winkt dem Menschengeschlecht als Ideal der Zukunft. Auch.das menschliche Dasein ist nur Tatsache; seine Gegenwartsaufgabe: der Gottheit zu dienen. Diesen schwerwiegenden Gedanken beachte man, um das im höchsten Sinn noch Unausgeglichene dieser Lebens-

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