Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Koheleth
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 700 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106268--4666-3106304- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
7oö Mermann Wcyi: noch fern und werden nicht immanent, ja sind im innersten Gegensatz zu ihr entstanden. Ewiger Gegensatz müßte bestehen bleiben, schüfe der Mensch nicht die zweite Wirklichkeit, in allen geistigen und kulturellen Erzeugnissen ein zweites Sein, die neue Natur. Hier weist die höhere Resignation mit innerer Notwendigkeit auf sittlich schöpferische Triebe und die menschliche Gemeinschaft. — Bisher war er Individualist im höchsten Sinn, aristokratischer Denker, in sich selbst vergraben; alles bisherige Ergebnis hätte er als Abgeschiedenster erleben und als Einsamster niederschreiben können. Alle bisherige Berührung mit der menschlichen Gesellschaft war ihm mehr äußerliches Mittel gewesen; Zweck aber die Sicherung einer geistigen Persönlichkeit in der umgebenden Welt. Jetzt erst wird er zur sittlichen Persönlichkeit. Bisher war er nur Medium des Geistes, jetzt wird er lebendiger Träger der Humanität. Die Unterdrückten und ihre Tränen sieht er, die Armen und trostlos Erniedrigten. Da preist er die Toten, längst Verstorbene vor den Lebenden, die ja noch da sein müssen. Die menschliche Seele mit ihren Leidenschaften wird zum Gegenstand seiner Erkenntnis, er brandmarkt Selbstsucht und Eifersucht, denn nur der Tor verschränkt die Arme und zehrt an sich selbst. In edler Gemeinschaft soll sich jeder dem menschlichen Dasein einfügen. Die Tat, -ursprünglich Mittel, sich aus der Verzweiflung des Chaos auf sich selbst zu retten, wird zum edlen Dienst; der von Sittlichkeit noch unberührte weit« schmerzlerische Selbstgenuß zum moralischen Akt. Diese Wandlung ist ein Markstein, hier ringt sich der Prediger von frühester Erkenntnis los. Jetzt gibt es nicht mehr passives Zerschmettertsein in der chaotischen Welt; aus den bisher nur selbstgesetzten Werten der .Sittlichkeit und Freude tritt er in die menschliche Welt der Sittlichkeit. Zum ersten Mal berührt sich hier Inneres und Äußeres, Seelenforderung mit Wirklichkeit. Denn gerade die menschliche Wirklichkeit fordert seine Persönlichkeit; Sittlichkeit und Kunst, ursprünglich Forderung, werden ihm nun zu beglückender Erfüllung. — Als metaphysischer Ausdruck dieser neuen Harmonie ersteht die Gottheit, auch früher schon bewußt oder unbewußt, jetzt in innerster Notwendigkeit geschaut: als höhere Verbindung zwischen Seele und Welt, des Rätsels letzte Deutung, mystisches Band zwischen Mensch und Kosmos. Die Freude ah der versittlichten Welt wird zur Ruhe in der Gottheit. Die Gottheit aber wird kein spekulativ erarbeitetes Wesen wie bei Philosophen und kritischen Theologen, deren auch die philosophische. Frühzeit schon viele hatte, sondern persönlicher Gott, im Himmel, und der Mensch ist auf Erden, Spiegel der Gottheit zu werden bestimmt. Stand früher der Denker dem Makrokosmos als kleinere aber ebenso rätselvolle und unendliche Welt gegenüber, beide ohne Widerspruch zwar, aber im Zwiespalt des Erdenlebens ewiges Auseinander, das erst im ewigen Seelenleben letzte wenn auch nie vollendbare Ueberwindung finden kann, jetzt tritt er gegenüber