Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Koheleth
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 699 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106268--4665-3106303- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Koheleth 699 schöpferische Naturkraft entgegensetzen müssen, das Einzelne durch das Allgemeinste, das Empirisch-Tatsächliche durch das Spekulativ-Umfassende zu vollenden. Doch dieser Unterschied ist wichtig: keine naturphilosophische Spekulation wie etwa bei Nicolaus Cusanus, Averroes, Giordario Bruno und Spinoza leitet den Prediger; sondern die Natur vermenschlicht sich ihm, weil sie ihm, dem Tätigen, im Leben als menschlich leitbar sich erwiesen hatte, während die erwähnten Philosophen gerade bemüht waren, das anthropomorphistische Element aus ihrer Naturbetrachtung zu entfernen. Menschliches sieht der Prediger nun auch in der Natur, die menschlichen Qualitäten des Daseins zeigt er in ihrem inneren Kreislauf auf. Denn jegliches Ding unter dem Himmel hat seine rechte Zeit: Gebären und Sterben, Pflanzen und Zerstören, Töten und Heilen, Einreißen und Bauen, jede Inbrunst, jede Leidenschaft und Tat hat ihren rechten Platz unter der Sonne. Jeder Gegensatz findet in der Welt seine Rechtfertigung; nur der Weltlauf schafft die innere Einheit, da Gegensätze keine Widersprüche sind und im unendlichen Dasein einträchtig vereinigt werden. Was folgt aber für den Menschen aus diesem Lebensüberfluß? — Eine neue Erkenntnis und ein neues Lebensgefühl. Ein anderes wird es nun, die Welt als Tatsache zu erkennen, ein anderes, sie als Erlebnis zu deuten. Zum ersten Male scheidet sich das Wertgefühl von der Erkenntnis des Tatsächlichen. Erkenntnis ist: daß Erdenkindern und Getier das gleiche Schicksal wird, denn ihr Tod ist der gleiche und in allen ist der gleiche Geist. Aber Freude und Sittlichkeit überdecken diesen Abgrund, in Sittlichkeit und Kunst wird eine neue Welt, eine zweite Natur gegründet, die letztens im Erlebnis einer gütigen Gottheit wurzelt. Aulom (Weltall, Welteinsicht, Unendlichkeit) pflanzt die Gottheit dem Menschen ein, Aulom legte sie in des Menschen Herz. Nicht als Verlorener mehr steht der. Einzelne dem Weltall gegenüber, sondern als gleich Unendlicher wenn auch verschiedener, als Mikrokosmos dem Makrokosmos, als selbst schöpferische Natur. Zu einem neuen Weltgefühl ist der Prediger emporgestiegen. Früher war Natur das frenide, drohende Außermenschliche und fast Unmenschliche; zwar wissenschaftlich formulierbar, aber seelisch fern und unzugänglich. Jetzt entsteht eine neue Welt, nicht identisch mit der materiell wirklichen, aber schöpferisch-lebendig in des Menschen Brust. Das Abbild der materiellen Wirklichkeit in der menschlichen Seele weist harmonische Züge der Versöhnlichkeit und des Rechts, in einer Ideenwelt findet natura naturata ihre edlere Verklärung. Die Wirklichkeit selbst ist von Gesetzen der Vergänglichkeit beherrscht; aber des Menschen Seele schafft in Sittlichkeit und Kunst die Theodizee. Die schaffenden Werte des Menschen rechtfertigen die Welt. An sich ist sie vergänglich, dem gleichmütigen Verderben preisgegeben. Aber die Ideen werden Wertmaßstab für das Dasein. Dies ist die höhere Resignation. Denn letzte Fremdheit bleibt noch zwischen Wirklichkeit und Seelenwelt; die Seele schafft wohl neue Werte, aber sie bleiben der Wirklichkeit