Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 698

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Koheleth
Date
1920-01-01
Page
698 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101174-3106268--4664-3106302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6g8 Hermann Weyl: „Ich sammelte mir auch Silber und Gold, teure Schätze von Königen [und Ländern; Sänger und Sängerinnen schaffte ich mir, und, die Lust der [Erdensöhne, viele Frauen." Als Anteil für alle diese Mühsal ward ihm große Freude; Lust, die sich selbst übertürmt, ewig neuer Rausch, Glückseligkeit, die aus jeder Empfindung neue Sehnsüchte saugt, ganz erdgebundene Freude, vergänglich wie das zerfließende Leben. Auf dem tiefsten Grunde seiner Seele aber schläft Weisheit, Sehnsucht nach innerer Stetigkeit, Inbrunst in allen Daseinsstürmen sich selbst zu bewahren. Weisheit als eine Form geistiger Persönlichkeit dämmert ihm als letztes Ziel. Was dem Menschen als Erdwesen begegnen mag, teilt er wohl mit jeder anderen Kreatur, und Tor und Weiser erliegen dem gleichen äußeren Geschick. Aber als Ahnung steigt die innere Glückseligkeit auf: ein Ideal des Weisen, der in eignen Seelenkräften ruht, eine geistige Monade, die in der Stärke der Persönlichkeit sich bewahren wird. Noch aber bleibt es mehr Sehnsucht als Erfüllung, und aufgestiegen aus gewaltiger Verzweiflung äm Dasein überhaupt, geschritten durch gescheiterte Versuche der Weltbewältigung in trunkener Sinneslust, immer aber von Liebe nach Weisheit erfüllt, haßt er nun das Leben, das er vordem in staunender Verzweiflung erblickt hat. Denn ursprünglich war er ein Leidender nur, der entsprechende passive Affekt: Verzweiflung; jetzt aber, auf dem Weg nach Welt- und Selbstgestaltung, gescheitert, nicht verzweifelt, aber über das Schicksal erbost, entsteht in ihm der Haß, seiner Natur nach auf ein Objektives, Außer-Ich gerichtet, während Verzweiflung in sich selbst ruht, affektives Eingeständnis höchster persönlicher Unzulänglichkeit. Wie anders diesem letzten Zwiespalt entgegnen, als auch ihn als notwendig nehmen, dem Kausalzusammenhang einordnen und das objektive Gesetz oder Natur so auch ins Subjektive, Allzumenschliche übertragen, daß die Weltgesetze keine kalten Schemen mehr sind, aber lebendige Wirklichkeiten für den lebendigen Menschen. — Auch diese Naturbetrachtung wurzelt wohl noch in einer ursprünglich wissenschaftlichen Grundstimmung, daß alle Wesen im kausalen Weltzusammenhang geeint sind; jetzt aber werden gerade die menschlichen Qualitäten, das menschlich Wertvolle, gleichsam der menschliche Reflex der gesetzlichen Welt zum höchsten Erlebnis. Anfangs war es das Geschlecht, dem unerbittlich das andere folgt, die festgegründete Erde, Sonne, Mittag und Mitternacht; der Wind, er schweift hin und her und zieht immer wieder die gleichen Kreise; das Meer, wo alle Flüsse einmünden, ohne es je voll zumachen; Außermenschliches, geschaffene Natur, ein gewaltiger Mechanismus der kosmischen Welt: natura naturata, wenn es erlaubt ist, diesen wichtigen Begriff der mittelalterlichen Naturphilosophie und der philosophischen Renaissance in etwas verändertem Sinn zu gebrauchen. Diese Natur ist menschlich fern, zu ihr findet der ethische Denker keine lebendige Beziehung, ähnlich wie auch die erwähnten Philosophien ihr eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.