Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Koheleth
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 697 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Koheleth? 69? Vergänglichkeit! Denn der Antrieb seines Geistes geht auf das Umfassende, den Kosmos, die^ewige Natur; und kein Wort, keine Erkenntnis, kein Erleben mag die Unendlichkeit wiederspiegeln, da alles Menschliche ein Abglanz und: winzigster Ausschnitt ist. Dahinter aber flutet als gewaltige Wirklichkeit die ewige Natur. So wird die Weltverlorenheit des Einzelnen zur. Grundstimmung seiner Seele. Was nützen ihm Dasein, Natur, Vielfalt der Sinnenwelt; als außersubjektiv stehen sie vor ihm, ohne daß sie schon ztir starken Wirklichkeit geworden wären. Denn dies gerade ist der typische Wandlungsprozeß, den alle Umwelt in unserem Geist durchläuft: erst Chaos, Verwirrung, undeutbare Vielfalt, sehr fremdes und rätselhaftes Dasein, dem sich unser Intellekt noch nicht anpassen konnte, weil der Ueberreichtum der Erscheinungen zunächst nur das Gefühl der Verwirrung und Ohnmacht erzeugen kann; dann aber mit der immer wachsenden Weltbewältigung auch Festigung der wissenschaftlichen und sittlichen Persönlichkeit. Gesellt sich zur Ohnmacht und Verwirrung eine bittere Seelenstimmung, so entsteht der Weltschmerz, dieser Affekt aus Ohnmacht und Seelengröße zugleich. In ihm kristallisiert sich die Weltverlorenheit des Einzelnen; hier steht er als stürmischer aber ohnmächtiger Widerpart vor der unzugänglichen Natur. Noch ist ihm nicht bewußt, daß zwar der Einzelne die Welt nicht lenken kann, daß aber die menschliche Gemeinschaft, das menschliche Gesetz eine zweite Natur gleichsam, eine zweite Welt zu schaffen vermag. Als Individualist steht er vor der Natur, sieht ihren unwandelbaren Gang und zerrt an eisernen Ketten des Weltgeschehens. Naturphilosophisch zwar ist seine Einsicht; aber noch führt keine Brücke von dieser außermenschlichen, fast unmenschlichen Natur in seine Seele, und seine Resignation ist die eines Verzweifelten, doch eines Weisen nicht. Aber vielfältig sind die Möglichkeiten, wie der Einzelne diese Verzweiflung zu überwinden vermag. Kann er nicht neue Werte gründen, nicht Eigenzwecke setzen, ganz in seinem leidenschaftlichen Sinn die ganze Welt aus eigenem Herzen neu gebären! Was braucht solchen Individualisten noch die Welt zu kümmern, wie sie an sich sein mag? Er setzt in Selbstbetäubung eine neue Welt, Abglanz seiner Leidenschaften und Lüste, Freudenrausch, Sinnesgenuß, die Verzweiflung des Taumelnden. An einer Stelle hat Kierkegaard die größte Verzweiflung dies genannt: ganz fern der Selbstbesinnung sein, ganz fern der wahren Einsicht über die menschliche Eigenstellung in der göttlichen Welt. Diese sich selbst betäubende Verzweiflung schafft sich der Prediger: versucht's mit der Freude, genießt das Gute, verführt seinen Leib mit Wein, während sein Herz sich nach Weisheit sehnt: diese Antinomie der Seele verwirklicht er, weil er Gefäß des Widerspruchs ist, weil als geistiger Instinkt in ihm schlummert, wessen sein waches Bewußtsein noch nicht fähig ist. Die Passivität des Erkennenden hat er verlassen, er wurde tätig; aber es ist keine befreiende Tat, weil sie eitel Rausch und Trunkenheit ist.