Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 695 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung 695 wo einzelne mehr unjüdische als jüdische Notabein zwar oft großen persönlichen Einfluß besaßen, aber nur auf Kosten der politisch völlig ohnmächtigen Massen. Sie darf aber wieder nicht so weit gehen, daß sie zur völligen Trennung wird, die den Juden Aufgaben überträgt, unter deren Last sie zusammenbrechen müssen, und sie durch völlige Heraushebung aus dem staatlichen Leben zu der ihrer geringen Bevölkerungszahl entsprechenden Bedeutungslosigkeit verurteilt. Diejenigen Zusammenhänge, welche der jüdischen Minorität trotz ihrer zahlenmäßigen Schwäche ihre große Bedeutung und hervorragende Stellung ermöglichten, indem sich durch sie jüdischer Geist und jüdische Fähigkeiten ohne Begrenzung auf den engen eigenen Bezirk entwickeln konnten, dürfen nicht mutwillig und vor allem nicht unnötig zerrissen werden. Je schärfer und fortgeschrittener die Abgrenzung ist, umso mehr drohen die früher geschilderten Gefahren und umso geringer sind die Möglichkeiten, sie abzuwenden. Ebenso erweist sich auch im Anfang jeder nationalen Sonderung das im vorangegangenen Abschnitt formulierte Gesetz von der Unmöglichkeit der Begrenzung der nationalen Abgrenzung als nicht im gleichen Umfange gültig wie in einem späteren Stadium. Auch die Betrachtung der geschichtlichen Entwicklung der nationalen Frage lehrt dies. Ein Riß erweitert sich ja auch umso rascher, je größer er ist. Zwischen notwendiger nationaler Abgrenzung als elementarem Gebot der nationalen Selbsterhaltung des Diasporajudentums und seiner völligen Trennung und Loslösung aus dem Leben des Staates und seiner Völker, mit dem es tausendfach verknüpft ist, den Weg hindurch zu finden, ist die jeden Tag neugestellte, unendlich verantwortungsvolle Aufgabe der nationaljüdischen Politik. Hierbei sei noch bemerkt, daß der auf Palästina gerichtete Zionismus eine der stärksten Tendenzen ist, die auf gänzliche Loslösung aus der gegenwärtigen Staats- und Völkergemeinschaft gerichtet sind. Denn welch schärfere Absonderung ist denkbar, als der offen erklärte Wille, seine heutige staatsbürgerliche Stellung aufzugeben, um eine neue Staatsbürgerschaft dafür zu erwerben, und jenes in die Zukunft vorauseilende Bewußtsein, das sich bereits als Bürger eines neuen Staates fühlt. Nicht die jüdische Galuth-Politik, die im Gegensatz zum Zionismus die Notwendigkeit des Verharrens im heutigen Staatsverbande und eines den primitivsten Lebensinteressen des jüdischen Volkes entsprechenden nationalen modus vivendi in ihm verkündet, sondern der die Uebersiedlung nach Palästina fordernde Zionismus ist besonders geeignet, die staatsbürgerliche Stellung der Juden zu gefährden. Tatsächlich ist ja auch heute das antisemitische Hauptargument, daß die Juden nach Palästina gehen sollen. Aber ebensowenig wie sich der Zionismus vom Antisemitismus das Gesetz seines Handelns diktieren lassen kann und will, ebensowenig können die Bestrebungen nach Anerkennung der nationalen Rechte des jüdischen Volkes sich durch die Möglichkeit von Gefahren, die durch die nationaljüdische Politik entstehen können, davon abhalten lassen, diese Politik zu verfolgen. Man mag die Auflösung der Diaspora-Judenheit