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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 696

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
Date
1920-01-01
Page
696 (sequence 12)
Language
German
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696 Hermann Weyl: voraussehen oder an ihren Weiterbestand glauben — die unbedingte Erforderlichkeit jedes Versuches ihrer Erhaltung auch um den Preis schwerster Opfer wird niemand bestreiten. Wer in dem heutigen Zeitalter des fortschreitenden Verfalls aller religiösen Bindungen und der immer schärferen, immer entschiedeneren Durchsetzung des nationalen Prinzips ein anderes Mittel sieht, das Judentum in der Zerstreuung zu erhalten, als das nationale, möge es nennen. Die verbrauchten Phrasen von orthodoxer und liberaler Seite täuschen nicht darüber hinweg, daß es keines gibt. Im übrigen wird der von dem geschlossen lebenden jüdischen Volke in Palästina ausgehende moralische Zwang, sich auch in der Diaspora für die Gemeinschaft völlig zu entscheiden oder mit der Umgebung völlig zu verschmelzen, so stark sein, daß die nationale Abgrenzung für jeden einzelnen Juden nach beiden Richtungen unausweichlich werden wird: entweder völlige Nationalisierung oder Auflösung. Einen Zwischenzustand wird es nicht geben. Das Weltbewußtsein wird zwei völlig verschiedene Judentümer niemals anerkennen, sondern nur eines, das sich ideell und politisch am stärksten durchgesetzt hat und sinnfällig-faßbar in Erscheinung tritt: das palästinensisch-nationale. Erhaltung oder Untergang, ist die Schicksalsfrage des Diaspora-Judentums. Die Forderung nach nationalen Rechten ist der politische Ausdruck seines Lebenswillens. HERMANN WEYL / KOHELETH Ein philosophischer Versuch „Das Verständnis der ganzen Bibel kann nur aus ihr allein geschöpft werden." Spinoza. Es beginnt mit Ergebung in ein ewiges Geschick, die menschliche Nichtigkeit steht als strahlende Einsicht an seinem Eingang. Das ewige Naturgesetz ist das einzig Wirkliche, trägt die unendliche Welt, Gleiches kehrt immer wieder, weil es in eherner Gesetzlichkeit gegründet ist. Aber die Mühsal der menschlichen Seele und aller Kreatur ist gewaltig in das Schicksal gewirkt, dämonisches Sehnen braust in der Natur und brandet am Weltgestein. Nur als aulblitzender Schein schreitet der Mensch durch den Kosmos, nur kurz erhellt sich für ihn ein Chaos von Gestalten. Doch von allen Früheren bleibt kein Leiblicher zurück; Gedächtnis in Seelen mag wohl bestehen können, aber auch sie zerfallen und reißen die Erinnerung ins ewige Grab. Dies ist der Auftakt des Seelendramas. Sein Träger aber der Prediger, „Israels König in Jerusalem", ein Uebermensch voll heißen Drangs, die ganze Welt zu deuten, voll der Bitterkeit, die zerbrochenes Denken gibt. Die gewaltige Antithese Mensch und Welt ruht in seiner fanatischen Seele, sein Wort ruft als ewiges Echo: Nichts und

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