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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 12 · p. 687

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 12
Article
Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
Date
1920-01-01
Page
687 (sequence 3)
Language
German
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Die Geschichte der Österreichisch-jüdischen kongreßbeWegütig 687 sondern auch die nationale Zugehörigkeit ausschlaggebend ist, umso geringer wird für die jüdischen Beamten die Aussicht, zu avancieren. Daß dann damit gerade bei der jüdischen Psychologie der Staatsbeamtenberuf überhaupt viel von seiner Anziehungskraft verliert, ist klar. Doch schließlich würde sich bei der Erlangung nationaler Minderheitsrechte auch hierin gegenüber dem schon damals und auch heute bestehenden Zustand nicht allzuvielllndern. Auch heute und noch mehr vor dem Kriege sind ja zahlreiche höhere öffentliche Stellungen den Juden verschlossen geblieben, was wiederum nicht nur für die osteuropäischen Nationalitätenstaaten, sondern auch für Deutschland gilt. So erweist sich der Einwand gegen die Erstrebung nationaler Minoritätsrechte, daß durch sie dem Staat und den anderen Völkern eine „gesetzliche Handhabe" zur Einführung der Prozentnorm geboten werden, von nicht allzu weittragender praktischer Bedeutung. Wie sehr diese sogenannte „gesetzliche Handhabe", die schon jahrelang den Refrain aller assimilatorischen Argumentationen gegen die zionistischen innerpolitischen Forderungen bildet, eine maßlose Ueber- oder Unterschätzung der konkreten politischen Wirklichkeit darstellt, ist bereits kurz am Schluß des vorigen Abschnittes dargetan worden. Die Richtigkeit unserer Behauptung, daß dort, „wo der ernstliche Wille und die Macht zu schaden vorhanden sind, sich jederzeit auch andere und vielleicht bessere Handhaben finden", beweist aufs Schlagendste die jüngste Entwicklung in Ungarn. In diesem Lande, wo niemals, nicht einmal von zionistischer Seite, nationale Rechte gefordert wurden, wo die zionistische Organisation niemals auch nur legalisiert wurde, wo sogar infolge der dort allgemein herrschenden durch und durch korrupten, imperialistischnationalistischen Atmosphäre die meisten Zionisten einem mit dem nationalen jüdischen Gedanken unvereinbaren magyarischen Chauvinismus verfallen waren, in diesem viele Jahrzehnte hindurch in allen jüdischen Jahresübersichten als rühmliche Ausnahme gefeierten jüdischen Eldorado wurden nun mit grausamster Rücksichtslosigkeit alle jene Entrechtungsmaßnahmen durchgeführt, die die Gegner der national-jüdischen Minoritätsforderungen bisher nur als deren allein mögliche Konsequenzen dargestellt haben. Solche bewußte Schädigungen der staatsbürgerlichen Stellung der Juden durch eine antisemitische Politik, der die nationale Sonderstellung der Juden ebenso nur ein Vorwand ist, wie früher ihre religiöse, nichtsdestoweniger auch als „Staat im Staate" verschrieene Absonderung, müssen hier außer Betracht bleiben. Sie gehören als unberechenbare Erscheinungen des politischen Lebens nicht in eine theoretische Darstellung. Größer als die Gefahr der Prozentnorm bei der Besetzung der Staatsbeamtenstellen sind manche wirtschaftliche Gefahren, die meiner Ansicht nach ebenso wie andere nationale Minoritäten auch die Juden und diese infolge ihrer eigenartigen Wirtschaftsstruktur und beruflichen Gliederung in besonderem Maße treffen können. Auf diese Gefahren habe ich in der österreichisch-jüdischen Kongreßbewegung gegenüber der Wiener Richtung 45*.

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