Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die moderne Pentateuch-Kritik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 682 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ümschau: deschichte literarhistorische Untersuchungen schreiten. „Erst Textkritik", verlangt Dahse. Eduard König unternimmt es nun, in einer Studie „Die moderne Pentateuchkritik und ihre neueste Bekämpfung"*) Dahses Gründe auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Eduard König ist unzweifelhaft unter allen Alttestamentlern von heute derjenige, der das größte positive Wissen besitzt. Man mag mit seinen geschichtlichen Ergebnissen noch so sehr auseinander gehen, seinen Standpunkt noch so als engtheologisch empfinden, man wird immer bei ihm lernen und immer über seine erstaunliche Belesenheit und Kenntnis auf diesem Gebiete verwundert sein. Das gilt auch für die vorliegende Arbeit und für die Gründlichkeit, mit der sie Dahses Anschauungen widerlegt. Auch mir erscheinen sie unhaltbar. Eine Rektifizierung der Wellhausenschen Theorie, die dringend nötig ist, kann nicht von textkritischen, sondern nur von geschichtlichen Voraussetzungen ausgehen. Denn keine textkritische Untersuchung kann uns einen Urtext schaffen, wir werden — notwendige Konjekturen ausgenommen—über die massoretische Textgestaltung im wesentlichen nie hinausgelangen.. Dabei dürfen wir den Wert des massoretischen Textes nicht gering anschlagen. Es ist ihm in letzter Zeit mit Unrecht der Text der Septuaginta oft vorgezogen worden. Aber Königs genaue Untersuchungen zeigen, daß der massoretische Text insbesondere in Beziehung auf den Gebrauch der Gottesnamen, wenn auch nicht absolut fehlerfrei sei, so doch eine sehr hohe relative Sicherheit und Ursprünglichkeit aufweise. Vor allem ist es bei der Verderbnis der Septuaginta selbst unmöglich, bei ihr zu einem gesicherten Urtext vorzudringen. Daneben darf man nicht all die notwendigen Mängel übersehen, die mit einer Uebersetzung in eine fremde Sprache verknüpft sind, noch das deutliche Bestreben der Uebersetzer, zu glätten und Widersprüche auszumerzen. Jeder Versuch einer kritischen Quellenscheidung kann nur vom massoretischen Text ausgehen, wobei alle Uebersetzungen nur als Hilfsmittel zu seiner Klarstellung dienen können. Wenn man auch meiner Ansicht nach die Angriffe auf die Vierquellenhypotese und auf die Scheidung von Elohist und Jahvist als hinfällig betrachten muß, so ist doch meines Ermessens die Geschichtskonstruktion, die man seit Wellhausen an diese Theorie knüpft, sehr anfechtbar. Denn diese Geschichtskonstruktion war eine reine literaturkritische, sie rechnete mit den Quellen nur als schriftlich fixierten Urkunden, sie rechnete nicht mit ihrer Lebensmöglichkeit als mündliche Tradition bestimmter Kreise oder als Vortrags¬ und Vorlesungsstoff bei religiösen Zusammenkünften und einer allmählichen inneren Entwicklung nicht durch Redakteure, sondern durch Redner. Wir müssen mit einer größeren Verschiedenheit der Entwicklung und mit einer stärkeren Mitarbeit von Priestertradition und Volkesüberlieferung rechnen, als es bisher der Fall war. Die Wellhausensche Schule rechnet zu sehr mit literarischen Verfassern und einmaligen Satzungen. Auch Dahse benützt zu seiner Erklärung des Wechsels der Gottesnamen im Gegensatz zur Quellenhypothese den Umstand der gottesdienstlichen Vorlesungen, die er mit Esra eingesetzt sein läßt, und erklärt den Wechsel der Gottesnamen durch den Wechsel der Perikopen. Dies halte ich für verfehlt. Der Wechsel der Gottesnamen geht zweifellos in viel frühere Zeiten zurück, wie auch die verschiedenen Quellen nicht nur durch die Verschiedenheit der Benennung Gottes, sondern auch durch Differenzen der Sprache und Weltanschauung festgelegt sind. Die kommende Arbeit aber wird nicht so sehr eine textkritische, als eine religionsgeschichtliche und ethnographisch-soziologische sein müssen: sie wird aus dem uns bekannten Leben orientalischer und primitiver Völker, aus der Eigenart und den sozialkulturellen Verhältnissen des Volkes Israel die Möglichkeiten der Entstehung der einzelnen Quellenschriften des Pentateuchs, ihres Wachsens und Zusammenwachsens feststellen müssen, wobei sich dieser ganze Prozeß als viel komplizierter herausstellen wird als heute gemeinhin angenommen wird. * - Unter den von jüdischer Seite gegen die moderne Pentateuchkritik geschriebenen Büchern sei das von B. Jakob „Quellenscheidung und Exegese im Pentateuch" *) hervorgehoben, das auf den besten jüdischen Traditionen fußt. Jakob engt seine Aufgabe auf die Josephgeschichte der Genesis ein und will an dieser Episode zeigen, daß die kritische Schule der Quellenscheidung falsche Wege einschlägt und daß es Aufgabe der Exegese, der' richtigen Texterklärung sei, über scheinbare Widersprüche in der Bibel wegzuhelfen. „Nicht die Kritik, sondern die Exegese hat das erste Wort." Die Josephsgeschichte galt lange als eine einheitliche Perle der hebräischen Erzählerkunst, erst Wellhausen hat aus verschiedenen Widersprüchen und Stileigentümlichkeiten auf eine Zusammensetzung aus J und E geschlossen und seine Nachfolgerhaben hier eine mosaikartige Zersetzungsarbeit geleistet. Jakob versucht nun die Einheit der Josephsgeschichte nachzuweisen und darüber hinaus zu zeigen, daß die scheinbaren sprachlichen und inhaltlichen Eigentümlichkeiten sich durch eine tiefer schürfende Exegese und durch ein verständnisvolles Eindringen in Geist und Wesen der hebräischen *) A. Deichertscher Verlag, Leipzig 1914. -) Leipzig, M.W.Kaufmann 1916.