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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 681

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Die moderne Pentateuch-Kritik
Date
1920-01-01
Page
681 (sequence 2)
Language
German
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Umschau: Geschichte und Erde durch Kepler, Galilei und Newton, war der Träger eines neüen Weltgefühls, das sich in der Souveränität seiner Würde kühn aller Ueberlieferung gegenüber erhob und sie der Kritik der Gesetzmäßigkeit des Verstandes unterwarf. Freilich hinderte ein volles geschichtliches Verständnis die Betrachtung alles Geschehens unter der Norm des Menschen an sich, der sich losgelöst von den Bedingungen von Ort und Zeit zum Herrscher über allen Raum und alle Zeit aufschwang. Gleichzeitig weitete sich aber die Weit der Erfahrung in ungeahnter Weise. Aegypten, Persien, Indien, China erschlossen nach vielen Jahrhunderten wieder ihre geheimnisvollen Kulturen und ihre eigenartigen Lebensformen. Man begann Unterschiede zu gewahren, Zusammenhänge zu sehen, Bedingtheiten zu ahnen. Montesquieu und Voltaire in Frankreich, Lessing und Herder in Deutschland taten die grundlegende Arbeit. Auf ihren Schultern stand die junge Weltliteratur im Geiste Goethes und der Romantik. Aus der Vertiefung des eigenen Nationalismus und aus eigenem großen geschichtlichen Erleben heraus gewann man Verständnis für nationale Eigenart, zeitlichen Ablauf in seiner Entwicklung und örtliche Bedingtheit. Von Hegel lernte man den Maßstab der Entwicklung anzulegen, überall vernünftige, dialektisch fassbare Bewegung zu sehen. So erstanden die neuen geschichtlich-kritischen Disziplinen. Dazu kam der neue Vormarsch der Naturwissenschaften, der seinerseits die „natürliche Entwicklung" in den Vordergrund rückte. Drei Stufen lassen sich in der Geschichte - der neueren Pentateuchkritik unterscheiden. A_n ihrem Beginn steht durch die Ironie des Schicksals — ein tief gläubiger französischer Laie, dem es selbst völlig ferne lag, an Moses Auterschaft zu zweifeln. Der Arzt Jean Astruc schloß aus Widersprüchen und vor allem aus der verschiedenen Verwendung der Gottesnamen Elohim und Jahwe in der Genesis und den zwei ersten Kapiteln des Exodus, Moses müsse bei der Abfassung des Fünfbuches für die vor seiner Geburt liegende Zeit verschiedene Quellen, darunter zwei durch den verschiedenartigen Gebrauch der Gottesnamen gekennzeichnete Hauptquellen benützt haben. Das nächste Jahrhundert gehört der Arbeit an der Erkenntnis der grundlegenden Wichtigkeit dieser Unterscheidung: man lernt aber sehen, daß das Problem komplizierter ist, daß diese Quellen sich nicht nur durch den Gebrauch der Gottesnamen, sondern auch durch eine Reihe anderer sprachlicher und inhaltlicher Eigentümlichkeiten, ja durch eine verschiedenartige Weltauffassung unterscheiden, daß sie selbst keine Einheit darstellen, sondern Mehrheit von Quellen, zu verschiedenen Zeiten entstanden, und daß sie nicht nur in der Genesis sich finden, sondern den ganzen Pentateuch durchziehen, ja warscheinlich sogar darüber hinaus ihre Fortsetzung finden. Aber diese Erkenntnis war eine rein Hterarkritische, erst eine dritte Forschergeneration unter Führung Wellhausens dehnte die Untersuchung über den Rahmen der Literaturkrltikdes Fentateuchs aus, sie stellte die Frage nach der Abfassung der verschiedenen Teile des Fünfbuches in den Verlauf der jüdischen Geschichte, wie er aus den anderen biblischen Büchern erschließbar und wie er nach allgemeinnatürlichen Grundsätzen der Entwicklung aus kleinen Anfängen zu erwarten ist, ein und erhielt so ein völlig neues Bild der Entstehung des Pentateuchs und der Geschichte des jüdischen Volkes. Dieses neu gewonnene Schema der Entwicklung schien schon feststehend werden zu wollen, als von verschiedenen Seiten her dagegen Stellung genommen wurde. Es waren sowohl die neuen Ausgrabungen und die erweiterten Kenntnisse der Geschichfe des alten Orients, wie die Ergebnisse der ethnographischen Soziologie und Psychologie und die neue Strömung in der Philosophie, die dem Einmaligen, Einzigartigen, Individuellen in der Geschiente mehr Rechnung trug und auch den Begriff der schematischen Entwicklung hölzern fand, die als Ausgangspunkte dienten. Das zwanzigste Jahrhundert sah alle bisherigen Ergebnisse erschüttert. „Wir stehen in einer Zeit der Gärung und des Ueberganges" sagte 1914 in Bezug auf die Pentateuchkritik Sellin in seiner Einleitung. Nur die Tatsache der Hypothese der vier Hauptquellen, zu deren Unterscheidungsmerkmalen als eines der wichtigsten der Gebrauch der Gottesnamen gehörte, blieb meistens unangetastet. Erst in den letzten Jahren begann auch dagegen der Widerspruch einiger Forscher laut zu werden, die sich nicht von geschichtlichen oder soziologischen Voraussetzungen dabei leiten ließen, sondern die von textkritischen Ansichten ausgegangen sind. An ihrer Spitze steht zeitlich A. Klostermann, dem dann vor allem Eerdmanns, der statt der verschiedenen Verwendung von Jahve und Elohim die von Jakob und Israel zum Ausgangspunkte nehmen möchte, und Joh. Dahse nachgefolgt sind. Der konsequenteste Verfechter dieser Theorie ist Dahse. Er bekämpft die jetzt herrschende Urkundenhypothese über die Entstehung des Alten Testaments, weil die Ueberlieferung der Gottesnamen, auf die die Hypothese aufgebaut ist, unsicher sei und daher nicht als Kennzeichen für die Unterscheidung der Urkunden dienen dürfe. Als Beweis führt er vor allem die Unterschiede des massoretischen Textes von der griechischen Septuaginta-Uebersetzung an. Die erste Aufgabe sei es, den zuverlässigen Urtext herzustellen. Dann könne man erst an die Erklärung von Widersprüchen und

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