Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 683

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Die moderne Pentateuch-Kritik
Date
1920-01-01
Page
683 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106185--4643-3106260
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ümschau: tu den „Memoiren des 6er Bolechower" 683 Sprache und Erzähler erklären lassen. Die sprachlichen Verschiedenheiten erklärt er aus rythmischen und stilistischen Eigenarten der hebräischen Sprache, für die er als Elementargesetz eine dichotomische Denk- und Darstellungsform aufstellt. Diese Beobachtung scheint mir sehr glücklich und stimmt mit dem überein, was ich bei einer Analyse Weiningers psyschologisch als Elementargesetz des jüdischen Denkens festgestellt habe.'-) Ueberhaupt muß man, trotz mancher Zweifel in Einzelheiten, die Probe Jakobs als gelungen betrachten, aufgezeigt zu haben, daß eine liebevoll in den Text sich versenkende Exegese weiterkommt als mechanische Quellenscheidung. Die Bemerkungen Jacobs zeugen von eindringlichem Verständnis und das ganze Büchlein stellt ein Meisterbeispiel guter Exegese dar. (Freilich der III. Abschnitt, der die Uebereinstimmung der Einzelheiten der Josepsgeschichte mit den Bestimmungen des jüdischen Gesetzes aufzeigen will, spannt die Exegese zu weit.) Prinzipiell aber gilt es, Jakob in zwei Punkten entgegen zu treten. So wenn er schreibt: „Was nützen z. B. alle Parallelen der Welt für den Sinn der Beschneidung, der Feste, der Opfer in Israel? So gut wie garnichts. Um so öfter aber schaden sie, in dem sie zu verkehrten, oberflächlich egalisierenden Urteilen verführen. , Israelitisches Wesen kann nur aus dem tiefsten Eindringen in das israelitische Wesen verstanden werden." Letzterer Satz ist bis zu einem gewissen Grade richtig und sicher ist das israelitische Wesen ein eigenartiges, dessen Erforschung ich schon einige Arbeit gewidmet habe und noch manche zu widmen gedenke. Aber israelitisches Wesen ist im Grunde doch menschliches Wesen und kann aus diesem Zusammenhang zu einer Einzelbetrachtung nicht losgelöst werden. Beschneidung und Opfer z. B. sind in Israel zu einer spezifisch-eigenartigen Institution geworden, aber genetisch sind sie von ihrer mit andern Völkern gemeinsamen menschlich-kultischen Grundlage nicht loszuschälen. Die Vergleiche mit anderen Volkskulturen haben unsere Erkenntnis israelitischen Wesens vertieft und die Besonderheit der späteren Entwicklung umso deutlicher hervortreten lassen. Zugleich haben sie uns aber gelehrt, wie viel (wie in allen hochentwickelten Kulturen) auch in der spätisraelitischen noch von primitiven, sagen wir vorisraelitischen Resten lebt. Die vergleichende Religions- und Kulturgeschichte und die ethnologische Soziologie sind unsere wichtigsten Hilfsmittel in der Erkenntnis des wirklichen Verlaufs der Entwicklung Israels. *) S. meinen Beitrag „Das kulturelle Problem der modernen Westjuden" im Hefte 5/6 dieser Zeitschrift. Die Quellenscheidung ist manchmal sehr mechanisch geworden, die Literaturkritik hat alles überwuchert. Sich dagegen zu stellen, hat Jakob ganz recht. Aber die Exegese kann uns höchstens über die inneren und sprachlichen Wichtigkeiten des vorliegenden Textes Aufklärung geben, sie kann uns nicht in sein Werden einführen. Hier ist die Quellenscheidung bahnbrechend vorgegangen. Nur daß die Vorgänge unendlich komplizierter und damit natürlicher waren, als es diese modernen Büchermenschen gleichenden J, E und R ahnen lassen. Unzählige Sänger waren es, die die erzählenden Partien des Fünfbuches geschaffen haben, jeder selbständig aus der Tradition schaffend, bis auf den letzten R, der wieder nicht als mechanischer Kompilator, sondern in lebendiger Tradition als Schöpfer einzelnen Sagen ihre letzte Gestalt gab. — Daswichtigste aber, was uns die Wellhausensche Schule gegeben hat, ist das neue Geschichtsbild. Auch dieses hat sie zu mechanisch auf den Evolutionsgedanken, wie sie ihn verstanden hat, aufgebaut, es wird noch in vielem korrigiert werden müssen, aber in seinen Grundzügen war es eine befreiende Tat und hat uns die Wege zu zukünftigen Arbeitsgebieten geöffnet. Hans Kohn ZU DEN „MEMOIREN DES BER BOLECHOWER" Zu der Bemerkung des Herrn Dr. Brawer in Heft 10 möchte ich folgendes erwidern: Prof. A. Marmorstein hat im Jahre 1913 in der Zeitschrift für Hebräische Bibliographie, Jahrg. 16, Nr. 3, S. 84—91, einen Aufsatz über „Die Memoiren Beer Bolechows" veröffentlicht. Im Iahre 1916 hat Dr. Lewin im Jahrbuch der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft, Frankfurt a. M. B. XI, S. 144—158, Auszüge aus diesen Memoiren abgedruckt. Im Jahre 1917 hat Herr Dr. Brawer in der Zeitschrift Haschiloach Auszüge aus einer andern Handschrift Ber Bolechowers, dem „Dibre Bino" publiziert. Aus diesen hier angeführten und in meinem Aufsatz im „Juden** Heft 5/6 bereits mitgeteilten Tatsachen geht hervor, wer zuerst auf Schriften Bers — ob Bolechower oder Birkenthal tut hier nichts zur Sache — hingewiesen hat Da ich an dem Streit um das Erstgeburtsrecht persönlich nicht beteiligt bin, überlasse ich es den genannten Autoren die Sache untereinander auszutragen. Den Namen „Bolechower" habe ich, um keine Verwirrung zu stiften, dem Prof. Marmorstein folgend, der denselben eingeführt hat, beibehalten, umsomehr als der Name „Birkenthal" in der uns beiden vorgelegenen Handschrift nicht vorkommt; der Arbeit des Herrn Dr, Brawer Rechnung tragend

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.