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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 679

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Jüdische Volkswirtschaft im Osten
Date
1920-01-01
Page
679 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Jüdische Volkswirtschaft im Osten 679 Celluloid-Gegenständen, von Sodawasser, ferner Petroleum-Raffinerien, Zündholzfabriken, und in geringerem Maße Ziegeleien und Steinbrüche. In der Großukraine beteiligt sich das jüdische Unternehmertum in beträchtlichem Maße in der Zucker-Industrie und am Mühlenbetrieb. Die jüdische Arbeiterschaft wird in diesen Industrien garnicht verwendet, vielmehr wird sie, ähnlich, wie in der Westukraine in der Nahrungsmittelbranche und Bekleidungs - Fabrikation beschäftigt. Die jüdischen Arbeiter werden mit der Industrialisierung aus verschiedenen Wirtschaftszweigen ausgestoßen. Dies konnte in der Naphtaindustrie im Drohobytscher Bezirk beobachtet werden, die in der Mitte der neunziger Jahre, als nämlich noch die Wachstuben mit ihrem primitiven Betrieb bestanden, Tausende von jüdischen Arbeitern beschäftigten. Heute ist von diesem jüdischen Proletariat ein Häuflein Tagelöhner zurückgeblieben, die eine Beschäftigung nur bei den Löscharbeiten während der zuweilen auftretenden Feuersbrünste in den Gruben finden. Jüdische Arbeiter überwiegen in den Druckereien, im Warenhandel, in Zündholzfabriken, im Borstenhaargewerbe, während eine unbeträchtliche Zahl in Sassow und Kolomea von der Tallisweberei, die als Kleinindustrie betrieben wird, lebte. Die jüdische Gewerkschaftsbewegung ist in Galizien sehr rückständig, und zwar in hohem Grade infolge der Politik der polnischen Zentralgewerkschaftsverbände, die von den jüdischen Arbeitern ein Bekenntnis zum Polentum forderten. Ein bedeutender Teil der jüdischen Bevölkerung war im Handel beschäftigt — in der Westukraine nahezu 53 °/0, in der Großukraine ein etwas geringerer Prozentsatz (in Poltawa 49%, im Tschernigowschen, Kiewschen und Podolien 44— 48%, im Jekaterinoslawschen, Cherson und Wolhynien 39 — 41 °/n). Im Süden der Ukraine ist die Beteiligung der Juden am Großhandel in den letzten Jahrzehnten ständig gewachsen. Dies läßt sich seit der Bauernbefreiung (1861) beobachten und findet seine Erklärung in der mit diesem Ereignis zusammenhängenden Steigerung des Verkehrs. Im Jahre 1873 entfielen etwa 6o°/0 der gesamten Ausfuhr Odessas auf den jüdischen Handel; außer Odessa verdanken die Städte Nikolajew und Cherson ihre Handelsbedeutung den Juden. Der jüdische Kaufmann wendet sich mit Vorliebe dem Getreidehandel zu, der in den genannten Städten einen besonderen Aufschwung erreichte, und sich ehemals in den Händen griechischer Firmen befand, die zu Monopolpreisen einzukaufen pflegten. Die Juden demokratisierten den Getreidehandel, indem sie selbst aufs Land fuhren, wo sie unmittelbar beim Produzenten einkauften; so wurde ein Kontakt geschaffen zwischen dem örtlichen Markt und dem Weltmarkte. Der jüdische Händler, der mit raschem Umsatz und niedrigem Profit arbeitet, konnte dem Landwirt bessere Preise zahlen, als er vorher erzielte. Im Exporthandel Odessas, Nikolajews und Chersons spielten die Juden eine hervorragende Rolle bis unmittelbar vor Kriegsausbruch. Sie beteiligten sich ferner am Holzhandel, dem Vertrieb von Fellen, dem Fischhandel u. a. m. Wir besitzen keine Ermittelungen über Zahl und Höhe der Umlaufskapitalien der jüdischen Kaufleute, aber soviel läßt sich feststellen, daß ihre Handelsbetriebe mit Kleinkapitalien arbeiteten. Das Umlaufskapital eines jüdischen Kleinhändlers ist •lächerlich gering. Die erdrückende Mehrzahl der jüdischen Ladenbesitzer verfügte über ein Umsatzkapital von einigen Hundert Rubeln und vielfach von noch geringeren Summen. Mit der Entwicklung des Klein-Kreditwesens in Form von genossenschaftlichen Spar- und Darlehenskassen traten gewisse Wandlungen in dieser Beziehung ein. In Ostgalizien gestaltete sich die Lage des jüdischen Kaufmanns weit ungünstiger, was hT* der trostlosen ökonomischen Lage des Landes begründet ist. Dem auch kümmerlich entwickelten jüdischen Handel entstanden hier Konkurrenten in den oft mit antisemitischer Tendenz gegründeten Konsumvereinen der Polen und Ukrainer. Auch hier schritt man, um den jüdischen Kaufmann zu stützen, zur Schaffung billigen Kredits. Im Jahre 1908 gab es in Ostgalizien 524 jüdische Kreditanstalten, Der Weltkrieg versetzte dort dem jüdischen Handel einen Schlag, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. In einem Memorandum des ostgalizischen jüdischen Nationalrates an die westukrainische Regierung vom 12. Januar 1919 wird darauf hin gewiesen, daß die j üdischen Gewerbetreibenden infolge der Ausplünderung der meisten Werkstätten, der Vernichtung der Werkzeuge und des Mangels an Rohstoffen der vollständigen Proletärisierung nahe sind. Durch den Krieg seien zahlreiche jüdische Industrien, wie: Mühlen, Preßhefe-, Seifen-, Kerzen- und Kleiderfabriken, Branntweinbrennereien und Gerbereien zerstört, die kleineren jüdischen Landwirtschaften zugrunde gerichtet worden. Der jüdische Handel wurde infolge der Kriegswirtschaft der Zentralmächte stillgelegt. Mit Kriegsausbruch und der unmittelbar darauffolgenden russischen Okkupation flüchteten die wohlhabenden Elemente zum größten Teil nach dem Innern Oesterreichs. Was an Intelligenz und Wohlhabenheit zurückgeblieben war, wurde von den Okkupationsbehörden nach dem Innern Rußlands und Sibirien abgeschoben. Ostgalizien war vom übrigen Oesterreich, das. es mit Waren zu beliefern pflegte, abgeschnitten. Die jüdische

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