Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jüdische Volkswirtschaft im Osten
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 680 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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68o Umschau: Geschichte Bevölkerung litt Hunger und allerlei Entbehrungen. Dazu kamen noch die seelischen Leiden unter dem unerhörten Drucke der Okkupationsbehörden. Die Behandlung der nach Rußland und Sibirien Verschickten, deren Zahl in die Zehntausende ging, spottete jeder Beschreibung. Die Verschickten durften meistens nichts mitnehmen und mußten hunderte von Werst zu Fuß wandern. Als im Sommer 1916 ein Teil der Verbannten zurückgeschickt wurde, durften sie nicht in ihre alten Wohnsitze zurückkehren, sondern wurden in fremden Bezirken angesiedelt. Aber auch die zurückgebliebenen litten namenlose Qualen. Die galizischen Juden, die ihren Eid als Österreichische Untertanen nicht brechen wollten und konnten, galten als „Verräter", als Feinde Rußlands. Das war der Stanpunkt der Generalität, mit Nikolaj Nikolajewitsch und seinem Generalstabschef, dem Polen Januschkiewitsch, an der Spitze, und dieser Gesichtspunkt war für die Behandlung der Juden von Seiten der Okkupationsbehörden maßgebend, die in ihrem aus Rußland importierten Judenhasse von den einheimischen polnischen Antisemiten und den Altruthenen nur bestärkt wurden. Eine Linderung der Leiden brachte das großangelegte Hilfswerk der russischen Juden. Das jüdische „Zentralkomitee zur Unterstützung der Kriegsopfer" hat aus den Beiträgen der Petrograder und Kiewer Juden bis Juni 1917 über 1^2 Millionen Rubel nach Galizien entsendet, und mit etwa 600,000 Rubel die nach Innenrußland und Sibirien Verschickten unterstützt. Die Juden der Großukraine sind in ihrer Hauptmasse von den Drangsalen der Okkupation verschont geblieben. Aber ein anderes Martyrium war ihnen bestimmt, ein entsetzlicheres — das Schicksal, von eigenen Mitbürgern mißhandelt und gemordet zu werden. Es sind frische, noch offene Wunden. Mark Wischnitzer FORSCHUNG UND ERKENNTNIS GESCHICHTE Die moderne Pentateuch-Kritik. Jahrhunderte hindurch hat man nicht daran gezweifelt, daß Moses der Autor des Pentateuch sei. Die herrschende Ansicht zur Zeit der Entstehung des Christentums geben uns die Evangelien wieder: Moses ist dort unangezweifelter Autor der ganzen fünf Bücher, sein Name ein Synonym für sie. Historisch kritischere Geister glaubten wohl an die Erklärung, die IV. Esra 14,23fr gegeben wird: Moses hat das Gesetzbuch gegeben, aber im Zusammenbruch des Staates ist es verloren gegangen, bis es Esra wiedergefunden und publiziert hat. Die Ansicht der Verfasser des Neuen Testaments blieb durch die Autorität der katholischen Kirche, die alles in ihrem Bann hielt, unangezweifelt und der Protestantismus, insbesondere in seiner den Katholizismus noch übertreffenden Verengung nach dem dreißigjährigen Kriege, gestattete keinen Zweifel am Buchstaben und an der göttlichen . Inspiriertheit der Schrift, die der Tragstein der neuen Othodoxie geworden war. Aber den Hütern der Bibel, den Juden und ihrem scharfen prüfenden Verstände, der Arbeit langer, mühevoller Nächte vieler Generationen an der Erklärung des überlieferten nationalen Schatzes, konnten die vielfachen Widersprüche nicht entgehen. Die Juden wurden die ersten Bibelkritiker. Freilich finden sich zwar im Talmud selbst manche scheinbar kühnen Sätze (wie der, die einzelnen Teile der Thora seien so weit voneinander, wie Ost von West, in def Thora sei keine Folgerichtigkeit zu bemerken usf.), aber all das ist nur zufällig hingeworfen und mögen auch manche Denker sich mit den Widersprüchen gequält und darüber gegrübelt haben, so haben sie uns doch nichts davon hinterlassen. Nicht einmal in der verhüllten Form, wie es Ibn Esra in seinen Kommentaren zu Gen. 12,6 Dt. 1,1; 34; 33,5 getan hat. Ibn Esras Kommentar zu den ersten Worten des Deuteronomium ist dadurch bekannt geworden, daß Spinoza ihn im VIII. Kapitel seines „Theologisch-politischen Traktats" zitiert hat. Spinoza war der erste, der die ganze Bibel kritisch durchgeprüft hat, er gelangte bereits in Bezug auf den Pentateuch zu dem klaren Endurteil, ,>daß die Eehauptung, Moses sei der Verfasser des Fünfbuches, aller Grundlage entbehrt und gegen die Vernunft ist". Ueber die Rolle Spinozas in der Bibelwissenschaft sagt Cornill in seiner „Einleitung": „In geradezu klassischer Weise werden der Disziplin Aufgabe und Ziel gewiesen und mit genialer Intuition viele ihrer wichtigsten Resultate vorweggenommen; dieser Abschnitt des Traktatus Theologicpoliticüs gehört zum Bedeutendsten, was jemals über das Alte Testament geschrieben wurde." Aber nach Spinoza hörte der Anteil der Juden an der kritischen Erforschung des Pentateuchs auf. Eine neue Zeit brach mit Ende des XVIIL Jahrhunderts an. Der Mensch der Aufklärung, der Erbe des Rausches der großen wissenschaftlichen Entdeckungen des XVII. Jahrhunderts, der Erforschung der Gesetzmäßigkeit von Himmel