Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Jüdische Volkswirtschaft im Osten
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 678 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106184--4636-3106255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
678 Umschau: Jüdische Volkswirtschaft im Osten Unter den Juden herrschte anfangs große Begeisterung für die Landwirtschaft, in der viele geradezu eine Erlösung sahen. Das Kolonisierungswerk wurde aber recht mangelhaft durchgeführt und vielfach von der russischen Bürokratie gehemmt. Dazu kam noch der plötzliche Umschwung an den höchsten Stellen unter Alexander IL, der die weitere Entwicklung des jüdischen Ackerbaues hinderte. Vor dem Kriege bestanden im Chersonschen 21 und im Jekaterinoslawschen 17 jüdische Kolonien mit 4603 Familien (32280 Personen) die 35,8 °/0 der gesamten jüdischen Landbevölkerung im früheren russischen Reiche ausmachen. Die Bevölkerung der Kolonien ist im Verlaufe von 40 bis 50 Jahren um 2V4 D*s 2V* ma* gewachsen. Die Kolonisten hatten ursprünglich 30 Deßjatin Land pro Familie, außer einem Reservelandfonds von 10 Deßjatin pro Familie. Vor dem Kriege betrug jedoch der Landbesitz pro Familie 11,3 Deßjatin in den Chersoner und 14 Deßjatin in den Jekaterinoslawer Kolonien. In technischer Beziehung stehen die Kolonien, in denen vorwiegend Getreide angebaut wird, auf höherer Stufe als die Bauernwirtschaften in denselben Gegenden. In Bessarabien betreiben die jüdischen Kolonisten hauptsächlich Wein- und Tabakbau. Der Landbesitz pro Familie ist hier gering, kaum 4 Deßjatin pro Familie. Im Ganzen lebten hier vor dem Kriege 1500 Familien (7782 Personen). Die Tabakkultur befand sich in Bessarabien ausschließlich in den Händen der jüdischen Kolonisten. Die Kolonien im Kiewschen, Wolhynien und Podolien sind hauptsächlich in den Jahren 1835—57 entstanden und betrugen vor dem Kriege 60 Siedlungen mit 2227 Wirtschaften. Der landwirtschaftliche Charakter dieser Kolonien ist weniger ausgeprägt als in Cherson und in Jekaterinoslaw. Zunächst war der Boden hier viel schlechter als im Süden. Wolhynien, Podolien und das Gebiet von Kiew waren ja schon an und für sich stark besiedelt und so konnte daher nur schlechterer Boden den neuen Kolonisten zugewiesen werden. Außerdem wurde der Grundbesitz der Kolonisten in den 70er Jahren reduziert, sodaß nur etwa 3/4 Deßjatin Land durchschnittlich auf eine Kolonistenstelle entfallen. Etwa 60 °/0 aller Kolonistenwirtschaften haben entweder kein Ackerland oder höchstens nur 2V2 Deßjatin pro Familie. Die Kolonisten mußten sich daher anderen Beschäftigungen zuwenden, sodaß im allgemeinen nur 50 % derselben vom Ackerbau leben. Infolge des Bodenkaufverbotes stießen die Bemühungen jüdischer Organisationen zur Hebun g der Landwir tschaft auf großeSch wieri gkeiten. Es wurden aber auf dem Gebiete 3er Intensivierung^der Wirtschaft beachtenswerte Erfolge erzielt. Die Kolonisten knüpften große Hoffnungen an die Bodenreform, die von der „provisorischen Regierung" in Aussicht gestellt wurde, und forderten auf einer Konferenz Ende 1917 die Schaffung eines Bodenreservefonds für ackerbaulustige Juden. Die politischen Ereignisse überstürzten sich jedoch, und diese Wünsche sollten unerfüllt bleiben. Der Anteil der Juden in Gewerbe und Industrie ist viel bedeutender als in der Landwirtschaft. In der Westukraine sind 24,5 °/o darin beschäftigt, in der Ostukraine 30—40 o/0. Auch den christlichen Gewerbetreibenden gegenüber ist der jüdische Anteil am Handwerk sehr bedeutend, sogar überwältigend. In Ostgalizien z. B. sind bloß 22 °/0 der deutschen, 11 % der polnischen und nur 3,17% der ukrainischen Bevölkerung im Handwerke beschäftigt. Die Juden hatten sich seit Beginn ihrer Ansiedlung in der Ukraine dem Handwerk zugewendet. Sie gründeten Zünfte, die . den Kampf mit den nicht]üdjschen Gewerbekorporationen bis in das 19. Jahrhundert hinein führen mußten. Diesen Zünften, deren Statuten aus unseren Gemeindearchiven allmählich hervorgeholt werden, und der wirksamen Vertretung jüdischer Interessen durch die Kahale ist das Bestehen des jüdischen Handwerks zu verdanken. Das jüdische Gewerbe arbeitet vorwiegend für den unmittelbaren Gebrauch. Nur wenig Juden sind in der Erzeugung von Halbfabrikaten und Produktionsmitteln beschäftigt. Einige bestimmte Zweige werden in Ostgalizien mit Vorliebe betrieben; die Schneiderei, das Schankgewerbe und die Lebensmittelerzeugung ernährten dort 50% der jüdischen Handwerker. Bedeutend geringer ist der jüdische Anteil in der Leder- und Papierindustrie, im Maschinengewerbe, in der Weberei, in der Bau-Industrie usw. In der Bergwerks- und Steinmetz-Industrie sind kaum ii°/0 der jüdischen Arbeiter vertreten. Günstiger liegen die Verhältnisse in der Großukraine, wo ein florierendes jüdisches Holzmöbelgewerbe sogar für den Export arbeitet (es seien die billigen Kurvenmöbel erwähnt, die im Poljesjegebiet von den Juden erzeugt werden). Ferner haben jüdische Flüchtlinge aus Litauen während des Krieges die Strumpferzeugung nach Poltawa verpflanzt. In der Großukraine sind auch jüdische Schmiede, Zimmerleute und Maurer weit häufiger anzutreffen, als in der Westukraine. Der jüdische Handwerker arbeitet dort im Allgemeinen viel besser. Für seine gewerbliche Ausbildung wird dort viel mehr als in Ostgalizien, wenn auch lange nicht alles, was nötig erscheint, getan. Unter den Industrien, an denen sich Juden beteiligen, sind folgende zu nennen: Druckereien, Sägewerke, Mühlen, Fabrikation von