Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 677

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Jüdische Volkswirtschaft im Osten
Date
1920-01-01
Page
677 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106184--4635-3106254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Umschau: Jüdische Volkswirtschaft im Osten 677 erreicht sie i2°'o- Auffallend gering ist der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung in den am weitesten nach Osten gelegenen Gebieten, und zwar in Jekaterinoslaw, Poltawa oder gar in Charkow. Eine ähnliche Verteilung der jüdischen Bevölkerungsmassen war in der Ukraine auch in der Vergangenheit zu verzeichnen. Das Gros der Judenheit war in den westlichen und zentralen Gebieten angesiedelt, während der Osten, bzw. Südosten vom jüdischen Element ziemlich dünn bevölkert war. Eine Ausnahme bildet ein südlicher Ausläufer des ukrainischen Gebiets, Cherson, das ehemals keine jüdischen Einwohner (wenn wir vom Altertum und frühem Mittelalter absehen) aufwies, heute jedoch eine dichte jüdische Einwohnerzahl verzeichnet, u. z. i3°/0 der Gesamtbevölkerung. Dies ist durch die Kolonisierungstätgkeit der russischen Regierung zu erklären, welche ausnahmsweise auch jüdische Ansiedlungen begünstigte, ferner durch das Wachstum der Küstenstädte Odessa, Nikolajew und Cherson im 19. Jahrhundert, die eine mächtige Anziehungskraft entwickelten. Während des Krieges hat die jüdische Bevölkerung auch im Poltawer, Jekaterinoslawer und Taurischen Gebiete durch den Zuzug von Flüchtlingen zugenommen. Die Verteilung der jüdischen Bevölkerung auf Stadt und Land ist in der ehemaligen russischen Ukraine und in Galizien ungleich. In der Westukraine wohnen etwa 6o^/0 der jüdischen Bevölkerung in Städten und Kleinstädten, 4o°/0 in Dörfern und auf Gütern. Sie bilden dort etwa 6% der Landbevölkerung. In der Großukraine ist infolge der provisorischen Bestimmungen von 1882 eine große Anzahl von Juden gewaltsam aus den Dörfern in die Städte verwiesen worden, wodurch das Ueberwiegen der Juden unter der Stadtbevölkerung und eine große Zusammendrängung derselben in engem Raum hervorgerufen wurde. In den westlichen und zentralen Teilen der Großukraine waren bloß 1%5°lo der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande ansässig, auch die südöstlichen und südlichen Gebiete konnten nur 27,37% verzeichnen. Was die wirtschaftliche Betätigung der ukrainischen Juden betrifft, so nehmen sie verhältnismäßig geringen Anteil an der Gewinnung der Rohprodukte, spielen eine bedeutende Rolle in der Bearbeitung und im Transport derselben und betreiben vorwiegend den Austausch der Produkte, den Handel. Ein interessantes und lehrreiches Kapitel bildet der Anteil der Juden in der Landwirtschaft. Der größte Prozentsatz der Juden, die sich in der Landwirtschaft und verwandten Zweigen betätigen, ist in der Westukraine zu verzeichnen und zwar bilden sie dort mehr als 10% der jüdischen Bevölkerung Ostgaliziens, in zweiter Linie kommen daran Cherson, Jekaterinoslaw und Bessarablen, wo mehr als 7% der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine in der Landwirtschaft tätig ist. In Wolhynien sind 2,33%, in Podolien nahezu 2%, in der Provinz Kiew etwa 1,5% und in Poltawa i°/0 der jüdischen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. In der Westukraine sind etwa 70000 Juden in der Landwirtschaft und verwandten Zweigen (Viehzucht, Forstwirtschaft, Fischerei usw.) tätig, hiervon etwa die Hälfte im Ackerbau allein. Ueber die Verteilung des jüdischen Grundbesitzes sind keine genauen Daten vorhanden, ausser über den Grossgrundbesitz. So haben die Nichtjuden 23,4% des Privatgroßgrundbesitzes in Händen, die Juden 5,4/io%* Eine annähernde Vorstellung von der Verteilung des Grundbesitzes geben folgende Zahlen aus dem Jahre 1902, die allerdings für ganz Galizien gelten, wobei doch zu bemerken ist, das der größte Teil des jüdischen Grundbesitzes auf Ostgalizien entfällt. Es gab 4 jüdische Besitzer mit einem Besitz von 53.930 Hektar, 17 Großgrundbesitzer mit 49.267 Hektar, 137 mit einem Besitz von 111.621 Hektar und 385 mit einem Kleinbesitz von 36.701 Hektar. Diese Ziffern verdienen besondere Aufmerksamkeit mit Rücksicht auf die kommende Agrarreform. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt in der ostgalizischen Landwirtschaft der jüdische Pächter, dessen fachtechnische Vorbildung in vielen Fällen herzlich gering ist. Guter Wille und Fleiß ersetzen nicht immer den Mangel einer landwirtschaftlichen Ausbildung, worauf in Zukunft das Augenmerk gelenkt werden muß. Der frohe Prozentsatz jüdischer Ackerbauer in Cherson, Jekaterinoslaw und Bessarabien ist durch das Vorhandensein besonderer jüdischer Kolonien in diesen Gouvernements zu erklären. Bekanntlich ist in den letzten Jahren der polnischen Republik und späterhin in Rußland der Gedanke propagiert worden, die Juden von unproduktiven Berufen der Landwirtschaft zuzuführen. Nichtjüdische und jüdische Publizisten haben diesen Gedanken verfochten und die Regierungskreise für ihn zu gewinnen versucht. Seit dem Jahre 1804 hat die russische Regierung eine Reihe von Maßnahmen zur Gründung jüdischer Siedlungen, hauptsächlich in Cherson getroffen. Die Kolonisten rekrutierten sich aus Westrußland und der Provinz Tschernigow. Die ersten acht Kolonien entstanden im Jahre 1810. Eine neue Welle von Kolonisten ergoß sich nach dem Chersonschen in den 20er Jahren des verflossenen' Jahrhunderts und bald darauf auch nach dem Jekaterinoslawschen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzte auch die Kolonisation in Bessarabien ein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.