Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 668 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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66Ö J. Agnöni 4. Mensch und Tier. Der gestaltete Körper lag auf der Strohmatte und schaute in die Innerlichkeit der Welt. Gad und die andern Plageengel, die er zuerst nur verschwindend sah, fanden sich plötzlich mit ihrem ganzen Wesen ein. Meine Seele, wie elend bist du, wie unglücklich bist du, wie viele Leiden kriechen dir nach, sei es in dieser, sei es in jener Welt. Die geschwollenen Augen waren still hinter ihren Tränen. Jeder Blick ertrank in Tränen, und leise strich er die Tränen über seine Stirn, so wie es die Weisen angedeutet haben: „Und du sollst ein Zeichen machen auf die Stirnen der Menschen," denn in der Stirn sind die Sünden aufgeschrieben. Und er bestimmte über sich, jetzt zu schlafen und nicht mehr über die Plagen der Welt zu denken, um die Kräfte seiner Seele für die Lehre Gottes zu stärken. Und um inmitten von Thoraworten einzuschlafen, begann er in seinen Gedanken alles zu wiederholen, was er heute Neues gelernt hatte. In Wahrheit hatte er heute nicht viel Neues gelernt, denn gleich nachdem er sich zum Lernen hingesetzt hatte, kam eine Schar junger Leute, die den Traktat Trefot studierten. Und sie zogen ihn ins Schlachthaus, um die Körperteile des Viehs nach dem Schiächten zu sehen. Und hier hatte Gerschom seinen Sinn nicht ablenken können von dem Wort des Rabbi Jossi: Komm und siehe, wie groß ist der Unterschied zwischen Mensch und Tier. Das Tier, wieviele Leiden erträgt es in dieser Welt. Man schlachtet es und man häutet es ab, und es gibt kein Gericht darüber. Aber der Mensch, wieviele Leiden erträgt er in dieser Welt, und nach seinem Tode, wenn er ein vollendeter Gerechter ist, spricht man ihn los vom Gericht, und wenn er ein vollendeter Frevler ist, richtet man ihn mit schweren Rechtssprüchen. Und hier konnte Gerschom seine Tränen nicht mehr zurückhalten* und er weinte mit bitterer Stimme vor der Erschütterung des Kummers. Rabbi Awigdor sprang vom Lager und weckte das ganze Haus. Rabbi Meschullam kam, drückte ein Handtuch in Essig und rieb das Herz seines Sohnes, so wie er es Edele zu tun pflegte, Friede über ihr, denn sie meinten, daß das. Herzleiden bei ihm ausgebrochen sei. Wahrlich, Leiden war in Gerschoms Herz, aber nicht nach der Ali:, wie die Leute des Hauses dachten. Rabbi Awigdor befahl, seinen Fuchspelz zu holen, und deckte Gerschom damit zu. Und Rabbi Meschullam rührte sich nicht von seinem Bett bis zum Morgenlicht. Seine schwache Hand schwebte über der Stirn seines Sohnes, manchmal mit einem feuchten Handtuch, um die Hitze aufzunehmen, und manchmal, um sie mit seiner großen Liebe und Barmherzigkeit zu glätten. Gerschom lag zwischen den Kissen, der Schweiß, der auf Stirn und Schläfenlocken gerann, und auch die Tränen, die aus seinen Augen drangen, verzerrten sein Aussehen etwas, und er glich einem Kinde, das sich bei seinem Vater anschmeichelt. Die Schmerzen seines Herzens und die seines Triebes, die ihn so sehr gedrückt hatten, gingen und wurden von ihm weg-