Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 667 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Der VerstofJenö 667 Eitle Worte! sagte Gerschom und hörte mitten im Gespräch auf. Und sogleich sprang er zu seinem Platz und kehrte zu der offenen Gemarah zurück, mit einer Angst, als ob der Dämon, der die Blätter hütet, schon dort gewesen wäre und ihm ein Sechzigstel von seiner Thora weggenommen hätte. Und bei seiner Rückkehr stöhnte er aus seinem Herzen heraus: und die Freude, woher soll sie sich finden? 3. Zwei Welten. Rabbi Awigdor rüstete sich zum Schlafe. Der Diener zog ihm die Schuhe aus und steckte ihm die Füße in Pantoffeln, und er setzte seine Pfeife in Brand und ging hin und her, der Länge und der Breite nach durchs Zimmer, bis er den Rock auszog und in einem wollenen Wams blieb. Obwohl Rabbi Awigdor müde war und eine große Mattigkeit in den Gliedern spürte, zögerte er, zu Bett zu gehen. Jetzt, wo die Nächte noch kalt und die Oefen nicht mehr geheizt waren, und man die Decke nicht mehr daran wärmen konnte — welche Erquickung gab da das Bett. Rabbi Awigdor machte sich auf und ging ins Eßzimmer. Das Zimmer ruhte im Schweigen der Zählnächte. Ein scharfer Geruch von Tabakblättern, die Rabbi Awigdor "eine Stunde vorher geschnitten hatte, durchzog das ganze Zimmer. Gerschom saß und laß in dem Buche „Anfang der Weisheit", und seine Augen schwammen in Tränen. Rabbi Awigdor schaute hin und sah, womit dieser hartnäckige Lerner sich beschäftigte. Er wollte ihm etwas sagen, aber weil er schon das Schma gelesen und das Abendgebet gesprochen hatte, fürchtete er, daß sich ein langes Gespräch entspinnen würde, schwieg und sagte nichts. Plötzlich sah er ein ganzes Brot, das auf dem Tische zurückgelassen worden war. Da konnte er nicht mehr ruhig bleiben und schalt auf die, die dem Gad den Tisch deckten. Gerschom hatte bis jetzt den Eintritt seines Großvaters nicht gespürt, und dieses Schelten, das so plötzlich gekommen war, kam ihm vor, als ob es von einer anderen Welt käme. Sogleich wurde er in seinem Lesen irre, erhob den Kopf und schaute im Raum umher. Seine Augen waren von Tränen verstopft, und diese Welt und die Welt der Hölle und der Finsternis, die bisher noch zwei Welten waren, wurden plötzlich zu einer einzigen verschmolzen. Der Großvater mahnte ihn zu schlafen. Gerschom stand auf, seine Hände tasteten zwischen dem Saal und dem Schlafzimmer, wie die eines Menschen, der in seiner Welt irrt. Ohne es zu wissen, zog er sich aus und las das Schma. Rabbi Awigdor lag auf seinem Bett und ließ den Rauch aus seiner Pfeife aufsteigen. Seine Kerze brannte vor ihm, und er blies Rauchringe rings um sie. Gerschom, der gewöhnt war, im Lehrhaus zu schlafen, während die Seelenlichter brannten, freute sich über das Licht der Kerze, daß er nicht im Finstern schlief, in den Schrecken der Nacht.