Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 669 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 669 genommen unter den Händen des Vaters. Und als Gerschom das fühlte, dachte er bei sich, daß dies alles nur Traum sei. Aber er war voll Bescheidenheit und Demut, und er sprach zu seinem Herzen: Zeigt man denn einem Sünder einen so schönen Traum! Es sind nur Irrbilder der Phantasie und Verblendung der Augen. Viel Kraft nachzudenken hatte er nicht, denn seine Kraft hatte ihn verlassen, seine Glieder entschlummerten in einem süßen Schlaf, und in vollkommener Ruhe lag er und schlief bis zur Morgenfrühe. Der Morgen wurde hell, Gerschomwusch sich die Hände und sprach den Segen über die Schöpfung. Das Zimmer wurde immer kühler, der Fuchspelz, mit dem er zugedeckt war, war während seines Schlafes vom Bett gefallen, seine Glieder zitterten, nur sein Gesicht glühte. Gerschom preßte sein Gesicht ins Kissen, um die Hitze ausziehen zu lassen, während sein Körper vor Kälte zitterte und er keine Kraft hatte, den Pelz aufzuheben. Sein Großvater ging im Nebenzimmer herum und las die Segenssprüche der Thora. Rabbi Meschullam, der ein wenig eingeschlummert war, wurde mit Schrecken wach, tastete nach der Stirn des Sohnes und lächelte ihm zu, wie ein Vater einem kleinen Kinde zulächelt. Gerschom heftete sich mit seinem ganzen Herzen an den Vater und blickte auf ihn, als wenn er ihn viele Jahre nicht gesehen hätte. Gerschom wollte aufstehen, aber sein Vater wehrte ihm. Als er hörte, wie der Großvater sein jüngstes Brüderchen schalt: Faulpelz, wie lange willst du liegen bleiben? Die Psalmensager halten sicher schon beim dritten Tag! — da stand auch er auf. Und wirklicher Tag kam, ein Tag von dieser Welt. Heft Ü. 44