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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 662

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
662 (sequence 5)
Language
German
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662 S. J. Agnon: seiner Mutter dorthin gebracht, und man bestimmte es ihm für die ganze Zeit seines Aufenthaltes in Schibbusch, damit sein Körper in Stille und Ruhe und Genuß liegen könne. Gerschom las den ersten Abschnitt des Schma und legte sich in die Kissen und weichen Betten des Vaterhauses schlafen und deckte^ sich mit der Decke zu, mit der seine Mutter sich zugedeckt hatte. Kindheit war in ihm, als wäre er noch ein kleines Kind und läge an der Seite seiner Mutter, bis der Engel des Traumes kam und ihm den Schlaf versüßte mit vielen Versen aus dem Hohen Lied und mit der Gestalt der Braut. 5. Wie eine Plage im Hause erschien. Die beiden ersten Pessachtage gingen in schweigender Trauer vorüber. Viele Leute kamen, um Rabbi Awigdor am Feiertage zu besuchen, und wollten Freude haben und Freude machen. Aber trotz der Heiligkeit des Festes und trotz Speise und Trank, die nicht vom Tische kamen, spukte ein Geist der Trauer im Hause, und wer nur dort eintrat, selbst wenn sein Herz voll Freude war, der schlich sich voll Kummer und Leid wieder fort. Gerschom hielt sich den ganzen Tag im Lehrhaus, und er lernte Mischna und Schulchan Aruch. Der Frühling begann an die Fenster des Lehrhauses zu pochen, und ein Schaufaden Sonnenlicht träufelte über die Gasse. Von Stunde zu Stunde ward Gerschom das Sitzen schwerer. Bisweilen ging er hinaus und stellte sich auf die Schwelle des Lehrhauses, um reine Luft zu schöpfen und seine Seele zur Thora zurückzubringen. 6. Die Seele, die sie gewonnen hatten. Der Frühling sproßte und blühte in der ganzen Stadt. Die Gräser kamen eben aus dem Boden heraus und drängten sich sogar zwischen den Steinen hervor. Die lauwarmen Steine blinkten und blitzten vom Lichte der Welt, und süße und schöne Düfte strömten aus Feld und Garten wie Balsam und Honig. Die Sonne wärmte den Leib der Erde, und um die Gartenzäune rankten sich grüne, zarte Dornen. Die Bäume blühten, und fromme Männer gingen heraus und sprachen den Segen über das Blühen, Ein Geist von draußen faßte gleichsam Gerschom an seinem Mantel und zog ihn in die Gassen der Stadt. Kurz vor dem Mincha-Gebet wurde er in ein Gäßchen verschlagen, das von dem Bereich der vielen abgelegen war. Da sah er zwei Menschen bei einem Hause stehen und spähen, ob jemand kommen und den Minjan vollzählig machen würde. Er dachte daran, das an den Zwischenfeiertagen Trauer nicht zulässig ist, und sprach; Wenn keine Trauer im Haus ist, ist eine Wöchnerin im Haus! Es ziemt sich, ihnen zu helfen. Er blieb stehen und trat ein. Obwohl Schibbusch eine kleine Stadt war und Gerschom bekannt in der Stadt, erkannte ihn niemand bei seinem Eintritt. Als sie ihn dann er-

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