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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 663

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
663 (sequence 6)
Language
German
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Der Verstoßene 663 kannt hatten, dachten sie, er sei ein Abgesandter des Vorstehers und komme in schlimmer Absicht. Aber sie erinnerten sich an den Fluch des Rabbi und sprachen: Er ist ein toter Mann, wir brauchen uns nicht vor ihm zu fürchten. Im Gegenteil, wenn es etwas zu fürchten gibt, soll er sich fürchten! Als sie sein trauriges Gesicht und seihe Anmut sahen, begriffen sie, daß er hierher nur zufällig verschlagen und durch ihn eine Gnade hierher gebracht wurde. Da standen sie und beteten unbekümmert. Die Betstube war ganz klein und hatte die Gestalt eines Wohnzimmers. Weil kein Almemor in der Mitte stand, vermutete Gerschom, hier wohne jemand und man habe sich versammelt, um das Gebet bei einer Wöchnerin weilen zu lassen. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß hier ein Versammlungsort war und man ständig hier betete. Als er aber hörte, wie bei der Wiederholung die Formel „Wir wollen dich heiligen" deutlich aus dem Munde des Vorbeters kam, sprang er von seinem Platz auf, wie wenn eine Schlange ihn gebissen hätte, denn er merkte, daß es Leute der Sekte waren. Aber die Süßigkeit des Gebets und die Anmut der Melodie begannen die Kraft der Überlegung einzuschläfern, bis der Wille ihm genommen wurde und er an seinem Platze blieb. Und als die Entflammten sahen, daß er auch nach dem Mincha-Gebet blieb, da gingen sie nicht daran vorüber wie an einer gleichgültigen Sache und hielten es nicht für Zufall, und sie sannen nach über das Wort: „Die Seele, die sie gewonnen hatten in Haran", das ist im Harm der Zeit, wie Söhne von Mächtigen und Reichen, von Rabbinen und Vorstehern plötzlich die wirkliche Wahrheit erkannten und kamen, Zuflucht zu suchen im Schatten der Chassiduth und der Gottesfurcht. Und sie kamen auf ihn zu und sprachen: Dies ist sicher eine große Absicht von dem, der die Wahrheit für ewig hütet, daß er die Wahrheit erkennen soll, die bereits in seinem Kirn aufzublitzen. begonnen hat. Und sie versüßten es ihm durch ein Gleichnis: Was bedeutet: „Du hast die Wahrheit zur Erde geworfen?" Wenn er irgend jemand nach ihrem Bethause gefragt hätte, so wäre er in dessen Augen niedrig und verachtet gewesen, als einer, der nach etwas fragt, was zur Erde geworfen ist, damit jeder mit Füßen darauf treten kann. Und als Gerschom das . hörte, stand er eine kleine Weile ohne jede Bewegung vor der Verzückung der Andacht, und sie sprachen über die Erhabenheit der Zaddikim und über den einfachen Glauben. Das Gespräch geschah in Flüstern, und geschah in leiser und dünner Stimme, und Gerschom wurde mehr und mehr zu ihnen hingezogen. 7. Reigentanz. Nach dem Abendgebet begannen sie Reigentänze und sangen mit schöner Melodie: Du hast uns auserwählt! Gerschom stand am Tisch und nahm ein Buch in die Hand, um sein Gesicht zu verbergen und nicht zu sehen, wie Juden kindische Dinge taten.

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