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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 661

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
661 (sequence 4)
Language
German
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Der Verstoßene 66l anderen gehen!" Da sprachen sie: „Wir wollen den Jungen rufen und ihn selbst fragen." Und hier zeigte sich der Brautvater schlau und sagte: „Gerschom, abgemacht, daß du heute bei mir das Fest feierst?!" Und Gerschom, der nichts von dem Streit wußte, antwortete: „Wenn es abgemacht ist, bin ich einverstanden!" und ging dem Brautvater nach. Die Herrlichkeit des Festes schwebte über dem ganzen Hause. Der Tisch war gedeckt, die Kerzen strahlten und Silbergeschirr stand da, damit man sich seiner bediene, wie freie Herren. Und sogar Geschirr, das Christen im Hause verpfändet hatten, stand auf einem besonderen Tisch, damit man sich an seinem Anblick erfreue. Der Geruch von Charoset, Bitterkraut, Petersilie und anderem Grünzeug brachte etwas wie Frühling ins Haus. Gerschom war zuerst verwirrt, als er mit dem Hausherrn und seiner Frau sprach. Er wußte nicht, ob man einfach sagen sollte Herr und Frau So und So, oder Schwiegervater und Schwiegermutter. Wie oft spricht nicht ein Mensch mit einem andern und braucht nicht vorher seinen Namen zu nennen, und hier gibt es keinen einzigen Satz, bei dem seine Zunge nicht anstieß, vorher ihren Namen zu nennen. Im Hause fanden sich nur drei Haggadot. Zwar hatte man ihm zu Ehren eine besondere Haggada vorbereitet, aber der Buchbinder hatte sie kurz vor Pessach eingebunden (als er auch den Talmud einband), und man war zu vorsichtig, sie zu benutzen, aus Furcht vor etwas Ungesäuertem. Schon begann Gerschom sich zu sorgen, daß er vielleicht die Haggada aus einem Buche mit der Braut lesen müsse und ihm daraus eine Zerstreuung der Seele entstehen könnte. Am Ende fand man ein altes Gebetbuch mit der Haggada, und er wurde beruhigt. Nach der Mahlzeit ließ sich der Hausherr seine Pfeife bringen, und für Gerschom hatte er eine Rolle von Tabakblättern gemacht. Aber ehe der Schwiegervater die Pfeife in den Mund gesteckt hatte, faßte ihn ein Schlaf und er entschlummerte. Auch die Schwiegermutter machte es wie ihr Mann und nickte ein. Ueber Gerschom, der schon mehr als vier Becher getrunken hatte, kam der Geist des Festes, und er ließ seine Stimme trällern, bis ein Sehnen ihm daraus kam. Als seine Braut ihn so sah, da schien es ihr, als hätte auch sie einen Bruder, groß in der Thora, und er säße vor ihr und erfüllte das ganze Haus mit der Stimme der Thora. Geendigt war die Ordnung des Pessach nach ihrer Vorschrift. Der Hausherr schlummerte auf seinem Sessel, und die Hausfrau war fortgegangen, um zu schlafen. Gerschom las Chad Gadja, und Menuchah antwortete ihm: „Chad Gadja, Chad Gadja." Und so lasen sie das Hohe Lied, er einen Vers und sie einen Vers, bis sie das ganze Buch beendet hatten und sich trennten. Gerschom ging in das Zimmer seines Großvaters schlafen, denn dort hatte man ihm sein Lager gebettet. Noch am Tage hatte man das Bett

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