Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 660

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
660 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106181--4614-3106237
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

66o S. J. Agnon: Während er noch sprach, kehrten die Kinder ins Zimmer zurück und hielten sich an den Händen. Und sie zeigten einen kindlichen Stolz auf ihre Kleider, die ihnen die Tante zu Ehren des Festes gerichtet hatte. Gerschom erkannte gleich den Stoff, der von einem Kleide der Mutter genommen worden war. Wie hatte er es geliebt, den Widerschein ihres Gesichts über diesen blauen Stoff gleiten zu sehen. Und da er an seine Mutter dachte, ließ er schweigend sein Haupt sinken. So saß er und überließ sich der Trauer, bis der Abend des Festtags sich über ihn senkte und er ins Lehrhaus ging. 3. Das Lehrhaus. Das Lehrhaus leuchtete mit allen Leuchtern, der Boden war mit gelbem Lehm getüncht, die Wände mit weißem Kalk geweißt und der Ofen mit Mennigrot gestrichen. Und über die heilige Lade war ein neuer seidener Vorhang gebreitet, der aus dem Hochzeitskleide Edeles gemacht war, Friede über ihr. Nach dem Festgebet umringte man ihn und begrüßte ihn. Da fühlte Gerschom, daß ihre jetzigen Begrüßungen nicht so waren, wie die früheren, als ob er nicht Gerschom, der Enkel des Vorstehers, sei, sondern ein erwachsener Mann in Israel schlechthin. Zuerst hatte sich Gerschom vor leeren Trostworten gefürchtet, aber jetzt schienen sie den Tod seiner Mutter sogar ganz vergessen zu haben. Kalte, schwitzende Finger lagen in seiner Hand, und feuchter Tabakstaub blieb an ihm haften und biß seine Haut. Die Männer aus dem Lehrhause umringten ihn mit ihren Fragen über die Jeschiwa und die Studierenden, über die Schönheit des Ortes und dergleichen; ob auch dort diesen Versöhnungstag Schnee gefallen sei und ob man den Bäcker noch nicht gefunden «foabe, der nahe beim Gespensterbrunnen verschwand, Gott beschütze uns; ob auch sein Rabbi den Bann unterzeichnet habe, der über die Sekte ausgerufen worden war, und weswegen er nicht unterzeichnet habe. 4. Bei der Braut. Beinahe hätte es einen Zwist gegeben zwischen seinem Vater und dem Brautvater, denn beide wollten, daß Gerschom zum Seder bei ihnen sein sollte. Der Brautvater sagte: „Hätte ich in einer anderen Stadt gewohnt, so hätte * Gerschom die ganzen Pessachtage zu mir kommen müssen, und jetzt, da ich hier bin, und nur von ihm verlange, zu den Sederabenden zu kommen, ist es nicht recht, daß er kommen soll? Mein ganzes Leben lang habe ich mich bei der Stelle der Mischna „Und hier fragt der Sohn" gegrämt, daß ich nicht mit Söhnen begnadet war; ich dachte, wann kommt der Bräutigam meiner Tochter, daß ich die vier Fragen aus seinem Munde höre, und jetzt, da er gekommen ist, soll ich sie. nicht hören? Verlaßt euch darauf, daß die Braut zu Ehren Gerschoms auf ihr Recht verzichten wird!" Aber sein Vater wandte ein: „Nicht also, sondern in meinem Hause wird er das Fest feiern. Ein Kind ist das ganze Jahr von Hause fort, und jetzt soll es zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.