Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 659 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 659 Der Großvater trat ein, begrüßte ihn und ordnete ihm die Schläfenlocken. Und er fragte ihn nach seinem Lernen und nach der Gesundheit seines Körpers. Gerschom blieb stehen und sein Mund war nach oben geöffnet, als ob er wartete, daß seine Mutter kommen und ihn küssen würde. Während er noch so stand, fielen ihm seine Schwestern abermals um den Hals, herzten ihn, küßten ihn und streichelten in Liebe sein Gesicht und seine Hände. Seine jüngste Schwester, die zarte und liebliche, streckte die beiden warmen Händchen nach seinem Gesicht aus und nahm seine beiden Wangen in ihre feinen Hände und sagte: Gerschom! Und sie zog das Wort Gerschom so lang, bis ihm Tränen aus den Augen kamen, und er sein Gesicht wegwenden wollte, damit man ihn nicht weinen sehe. Aber sie, die nicht verstand warum, sagte abermals: Lieber Gerschom, laß mich in das Licht deines Angesichtes, in das Licht der Thora schauen! Und sie rührte die Hände nicht weg, bis ihre Brüder sie mit Gewalt vertrieben. Rabbi Awigdor stillte die Seufzer, und mit einem Wort, halb Ernst, halb Scherz, fragte er: Gerschom, hast du einen Sijum? Mosche, dein Bruder, wollte mit seinem Sijum auf dich warten, aber die Unwissenden im Lehrhaus verbanden sich, und er mußte seinen Sijum mit ihnen machen. In diesem Augenblick wandte er sich zu der Köchin, die auf der Schwelle stand und sich die Tränen abwischte, und sprach zu ihr: Gib ihm etwas zu essen! Und als sie, die deswegen gekommen war, — nur als sie ihn von Angesicht sah, übermannte sie das Mitleid und verwirrte sie — die Mahnung hörte, kehrte sie um und trat in die Küche, nahm eine Art Kartoffelkuchen, die sie mit Gänsefett buk, tat ein paar Graupen und gebratene Zwiebeln dazu und brachte es zum Essen. Das Schwesterchen, das sich indessen beruhigt hatte, kam wieder und hielt Gerschom eine kleine Mazza hinp wie man sie für Kinder bäckt, und sagte: Iß doch, Gerschom! Und Gerschom, der wußte, wie lieb eine solche Mazza den Kindern ist und wieviel Liebe in dieser Gabe war, kannte sich selber nicht, bis seine Brüder in Lachen ausbrachen: Mazza am Tage vor Pessach! Und der Vater schüttelte den Kopf: Das Herz ihrer Mutter, das Herz ihrer Mutter! Gerschom saß und schlang widerwillig seine Mahlzeit, und sein Vater saß ihm gegenüber und betrachtete alle seine Bewegungen, und aus seinen Augen glänzte Liebe, die das Herz weich macht. Sein Großvater stand am Ende des Zimmers und wusch Tabakblätter für Pessach, legte sie auf den Sims des Ofens zum Trocknen und schnitt sie mit eigener Hand. Gerschom, der den Blick des Vaters wegen dieser besonderen Weichheit ein wenig schwer ertrug, suchte eine Stelle, an die er seine Augen heften könnte, und schaute hin und her. Das Haus war prächtig geordnet nach allen Vorschriften für Pessach, die Wände mit Kalk getüncht und die. Leuchter vor Schönheit blinkend. Nur an der Wand, an der das Bett seiner Mutter gestanden hatte, war ein rötlicher Fleck von Arzneien zurückgeblieben. Als sein Großvater ihn auf diesen Fleck schauen sah, seufzte er und sprach: Natürlich, wenn die Hausfrau fehlt, ist die Arbeit der Magd verkehrt.