Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 656 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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656 Hans Kohni Freude erfüllt hat. Ich lernte Menschen kennen, die mit aller Kraft ihrer Willenentscheidung auf Palästina eingestellt und zu einer neuen, auf Arbeit aufgebauten sozialistischen Gemeinschaft in ihrem persönlichen Leben entschlossen sind. Es lebt eine Reinheit der Gesinnung und eine Jugendlichkeit der Kraft in ihnen, die vieles verheißt. Diese Jugend hat das erreicht, was uns oft vorgeschwebt hat: die Möglichkeit eines einfachen Lebens. Sie gibt sich keinen (ach so schädlichen) Theorien darüber hin, was denn die auszeichnende Aufgabe der Jugend ist, sie lebt Jugend, Zuversicht, Kraft. Dennoch habe ich eine Angst auch um sie. Diese Menschen sind ehrlich. Aber ihr Blick dringt nicht tief. Sie erliegen leicht der Suggestion. Den natürlichen, tierischen Gefühlen, die so tief in uns eingefressen sind und uns sagen, daß unsere Instinkte gut sind und die der anderen den Moralgesetzen zuwiderlaufen, dem atavistischen Zusammengehörigkeitsgefühle, das den Fremden als den Feind ansieht, sind sie wehrlos ausgeliefert. Sie lesen Zeitungen nicht, aber im gegebenen Augenblick sind sie imstande, deren Lügen zu glauben. Sie sind des Aufschwungs, der Begeisterung und der Hingabe fähig, aber ihre Vernunft richtet sich nicht in erbarmungsloser kritischer Prüfung auf, um bis zur vollen Wahrheit durchzudringen und zu prüfen, wohin ihr Aufschwung und ihre Hingabe zielen, sie sind nicht einzelne genug, um die Lüge der Masse zu durchschauen. Darum habe ich Angst, ihre Begeisterung könnte einst auf unreinen Altären geopfert werden. Und ich höre so wenig der Stimmen unter uns, aus denen rücksichtslos Vernunft, Wahrheit und Gerechtigkeit spräche. Nicht unsere Gerechtigkeit, nicht die uns nützliche Wahrheit (welch richtige Philosophie war für diesen Pöbel von heute der Pragmatismus, wie er ihn sich zurechtgemacht hat!) sondern die Vernunft schlechthin, die nicht nur unsern Vorteil wägt, sondern darüber hinaus das Allgemeine sieht. Die gegen die Begehrlichkeit auftritt, welche am Beginn jedes Unrechtes steht. Ich spreche hier nicht mehr von der Masse, nicht mehr von ihren Führern: ich spreche von den einzelnen, die ich vermisse. Von denen, die sich nicht durch tausend Rücksichten binden lassen; von denen, deren Gewissen wach und deren Geist nicht enge ist durch die Vorteile ihrer eigenen Gruppe. Ich habe Dich oft mit der Frage gedrängt, warum der Hapoel Hazair nicht eine entschiedene Stellung zur Internationale einnimmt, warum bei ihm diese Unentschlossenheit, diese Halbheit zu einer menschlichen Verkümmerung führt. Bei all diesern war mir nicht die Frage der Internationale wichtig, schon gar nicht die welcher Internationale, aber was ich verlange, ist die wahre lebendige Erkenntnis, die uns völlig durchdringt und die uns nie mehr verläßt, selbst wenn es scheinbar die „Pflicht" fordert: die Erkenntnis, daß alle Völker eine gemeinsame Heimat haben: die Erde, und eine gemeinsame Aufgabe zu leben und eine gemeinsame Not zu leiden und zu sterben. Ich sehe bei uns nicht-einmal die einzelnen, in denen diese Erkenntnis