Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 655 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Öriefe an freunde H& wartet hatten: er hat die Vernunft tiefer entwürdigt und den Egoismus oberflächlicher Erwerbsgier stärker vertiert, als es vorher gewesen. Er hat aber noch Schlimmeres getan: er hat eine Müdigkeit in den Seelen zurückgelassen und eine skeptische Leere. Die alten Ideale haben sich als trügerisch erwiesen, im entscheidenden Augenblicke hat. der Geist, statt sich dem unmoralischen Machtwillen und der verdummenden Massensuggestion entgegenzustellen, sich ihnen unterworfen, alles ist unverändert geblieben. Der klägliche Zustand eines Katzenjammers, der heute bei allen Völkern zu gewahren ist — soweit nicht in den meisten Kreisen einfach alles beim alten geblieben ist, und 1920 sich von 1913 nur dadurch unterscheidet, daß es gewöhnlicher und abgebrauchter geworden ist — ist doppelt schmerzlich für die Juden. In der Stunde, wo uns kräftige Vitalität doppelt nottut, wo im Osten große Teile unseres Volkes, zugrunde gehen, wo in Palästina scheinbar so günstige Bedingungen für den Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens bestehen, wie noch nie, verhält sich das jüdische Volk apathisch, ohne Aufschwung, gleichgültig und ist in seinem überwiegenden Teile auf Erwerbsgewinn, unter seinen öffentlichen Führern auf kleinlich-gleichgültige Streitigkeiten bedacht. Nirgendwo Größe, nirgendwo Führer, nirgendwo Menschen. Wir hatten gedacht, ein Windstoß Gottes würde verdorrendem Totengebein Leben einhauchen, und wir sehen, daß der Friedhof unbewegter ist wie je. Der innerlich verlogene Schein heroischer Größe bei den anderen Völkern ist längst verflogen, bei uns ist er aber nicht einmal eingetreten. Das Volk ist gleichgültig geblieben. Ist. es keines Aufschwunges fähig? Will es nicht? All sein Wollen ist kein rechtes Wollen, kein großes Wollen, es ist nur ein Mögen, aber dieses Mögen wird zu keinem Wollen, weil ihm keine wirkliche eindeutige Entscheidung vorangeht. Entscheiden aber kann sich nur der, der glaubt. Unser Volk aber glaubt nicht: nicht an sich, nicht an seine Sendung, nicht an Palästina. Es kann sich von seinen nächsten Interessen nicht fortreißen und seinen Blick nicht weiten. Sein Nationalismus und sein Zionismus nehmen darum auch jene kümmerlichen Formen an, die nichts sehen, als die scheinbar nächstliegenden Interessen. Ohne den Glauben kann man nie den Mut haben, auf Vorteile der Gegenwart im Namen der Gerechtigkeit zu verzichten. Das Schlimmste ist die Gleichgiltigkeit, die man bei der Jugend wahrnimmt. Sie ist zum großen Teile der „Ideale" überdrüssig, die sie als phrasenhaft empfindet und die sie in ihrer seelischen Wahrheit nie erlebt hat, weil sie die verlogene Wirklichkeit für die Wahrheit nahm, und spürt dabei doch eine innere Leere. -Ihr Leben wird traurig und hoffnungslos. Da sie die Verzerrung des Nationalismus sieht, leugnet sie die Wesentlichkeit des Erlebnisses seines Volkstums für den Menschen. Sie vermißt die Größe, die Hoffnung, den Glauben, ohne den die Jugend nicht leben kann. Sie geht aus unseren Reihen hinweg oder wenn sie bleibt, ist auch sie müde und gleichgültig. Ich habe Dir schon mitgeteilt, daß ich bei meinem letzten Aufenthalt in Mitteleuropa manches unter der Jugend gesehen habe, was mich mit 43*