Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 657 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Briefe an Freunde 657 mächtig ist. Ich spüre, wie unser Nationalismus immer verengerndere Formen annimmt. Die wenigen, die weiter sehen, schweigen aus tausenderlei Rücksichtnahmen, aus Politik, aus vermeintlicher Pflicht — oder sie scheiden aus unseren Reihen. Ist es unmöglich, daß in unseren Reihen Männer bleiben, deren Gewissen mehr umspannt als ihr Volk, und die glauben, daß es nur Eine Gerechtigkeit und Wahrheit gibt? Wenn wir so gegen die jüdischen Pogrome protestieren und in flammenden Worten verlangen, daß alle Kulturmenschen in unsere Proteste einstimmen, warum spricht keiner in unseren Reihen über die Pogrome der englischen Regierung in Irland, über Amritsar, über all das andere Grauenhafte, das in dieser Welt stündlich und stündlich geschieht? Hindert uns, die einzelnen, — nicht die stumme Masse, nicht ihre politischen „Führer" — die Rücksicht auf unsere „Freundschaft" mit England oder sonst ähnliches, oder sind wir wirklich schon so eng, daß uns „das alles nichts angeht"? Nicht außerhalb unserer Reihen soll über all das gesprochen werden, sondern innerhalb. Der Nationalismus soll den Menschen tiefer verankern, soll ihm die Möglichkeit geben, in Freiheit aus Überliefertem, aus reichem, voll ergriffenem Erbe Neues zu schaffen, soll ihm die Verankerung im Metaphysischen ermöglichen, aber er ist nur die erste Etappe auf dem Wege (eine notwendige Etappe!) zur Menschheit. Unser Nationalismus muß so weit sein, daß alles in ihn eingeht, unser Gerechtigkeitsgefühl so stark, daß es Gerechtigkeit für alle verlangt und es auch ausspricht. Zu allen wesentlichen Dingen müssen wir Stellung nehmen, alle Kämpfe um Wahrheit und Vernunft müssen wir mitkämpfen können, nicht als Juden, sondern als jüdische Menschen, d. h. aber als Menschen der Rasse, die zuerst und am stärksten Gerechtigkeit und Universalismus verkündigt hat. Es ist etwas Enges in unserem Denken und ein verderblicher Illusionismus in unserem Wollen. Das drückt auf mich. Und ich mußte es einmal aussprechen. Unser Nationalismus in dieser Enge, wie ich es gesagt habe, schrumpft meist noch mehr zusammen und wird Parteinationalismus. Darüber will ich gar nicht reden. Ich weiß, daß Du daran ebenso leidest wie ich. Ist es nicht möglich, daß aus unserer alten Freundschaft irgendwie eine Gruppe Unabhängiger erstehe? Sie tut uns hier in der Galuth ebenso not wie in Palästina. Und wenn auch unsere Jugendträume Träume bleiben müssen, so können wir doch auf der Wacht stehen und die Gefahren melden, von denen wir das bedroht sehen, wofür wir nun zwölf Jahre Schulter an Schulter gekämpft haben. Und in der allgemeinen Verzweiflung und Indifferenz nicht den Mut und die Hoffnung verlieren. Ich glaube, daß auch solche Schomrim nützliche Arbeit tun. Unpraktische vielleicht, wie manche lächeln werden, aber wer kann sagen, aus welcher Arbeit 7rpccf|j.ata erwachsen können? Paris, November 1920.