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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 654

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
654 (sequence 10)
Language
German
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654 Hans Kohni mütigen Mädchen, die hinübergehen, statt Pflügen Kochen lernten und den Männern, die in der Wildnis arbeiten, ein Heim zu bereiten verstünden, ja mehr noch — ein gesellschaftliches Heim zu führen verständen, wo geistige Anregungen ausgetauscht werden, wo abspannende Arbeit festlichen Ausklang findet. Wieviele unserer besten Kräfte werden durch falsches Heldentum vertan. Uns tun nicht nur Bauern not — Bauern, die das Ackern verstehen! — sondern lehrende Menschen (nicht Lehrer!), die in Palästina eine geistige Athmosphäre schaffen würden. Vielleicht noch einige Monate Großstadt, einiges abspannende Aufatmen nach jahrelanger Ferne. Dann werde auch ich wieder davon genug haben. Aber nur dann wird es für mich annehmbar sein, nach Palästina zu gehen, wenn ich weiß, daß ich dort nützlich und brauchbar einen Posten ausfüllen kann. Nur nicht zu viel Batlanut in unserem Lande. Ich freue mich auf ein baldiges Wiedersehen mit Euch in Mitteleuropa. Paris, Ende Juli 1920. III. Mein-lieber Robert! An so einem Sonntagnachmittage — es ist ein warmer Herbsttag, eine milde Feuchtigkeit in der Luft und durch das offene Fenster dringt der heitere Lärm von Paris — man fühlt sich allein und in der müßigen Sentimentalität denkt man vergangener Tage, vergangener Träume und ist dankbar, wenn man weiß, daß unter allen Veränderungen die Freundschaft fortbesteht, .die einen verbindet, über das Gefühl der Einsamkeit emporhebt und hoffen läßt. Ist es Zorn, der in mir aufwallt, oder ist es ein ironisch-wehmütiges Lächeln, wenn ich daran denke, wie wir vor acht oder zehn Jahren davon geträumt haben? Wir sahen Tage der Erfüllung vor uns, das jüdische Volk vonjeinem neuen Geiste erfaßt, in mächtiger Aufwallung heldische Taten vollbringen, und uns selbst wähnten wir stark, nicht nur Mitgerissene, sondern Mitreißende zu sein, die Jahrtausende alte Sehnsucht, die irgendwie in jedem jungen jüdischen Menschen aufflackert, die Sehnsucht Agathon Geyers, berauschte für Stunden unsere Seelen. Der Krieg kam: die Generation von heute, die vier oder fünf Jahre und mehr jünger ist als wir, wird unsern Irrtum von damals nie begreifen können. Und doch war in dem ganzen Leben unserer Kulturmenschheit seit Jahren alles auf diesen Krieg hinweisend: die innere Leere und die müde Skepsis, die nackte Erwerbsgier und gedankenlose Genußsucht dieses Zeitalters, all diese Anhäufung verlogener Surrogate und freudeleeren Egoismus, all dieses Gemisch von wahrem Leben, von seelischer Erschütterung ließ gerade viele der Besten den Krieg ersehnen, die Läuterung, den großen Schmerz, das erschütternde Erlebnis, die rauhe, surrogatlose Wirklichkeit, aus der eine neue Welt erstehen sollte. Wir wissen heute, daß der Krieg das Gegenteil dessen hervorgebracht hat, was wir er-

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