Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 653 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Öriefe an freunde ^gg Ich selber freue mich an Paris und lebe voll gläubiger Sorglosigkeit Ich fühle, wie alle diese Zustände nur Provisoria sind. Manchmal ist mir traurig, wenn ich daran denke, wie viel von meinen Träumen und Plänen, die so viel zu sein schienen, in nichts zerronnen ist. (Heißt nicht, für später aufschieben, für immer aufschieben?) Aber dann weiß ich, daß irgendwann doch das Definitive kommen wird. Haben nicht alle jungen Menschen heute dies Gefühl des Provisorischen? Vorläufig umfängt und bezaubert mich die Großstadt — und manchmal ist mir, als könnte ich jetzt garnicht nach Palästina. Nicht, daß ich die Wildnis fürchte, die Palästina heute noch ist. Ich habe in ärgerer gelebt und unter schlimmeren Entbehrungen — und war doch all diese Zeit nicht allein und nicht eingesperrt, sondern weltoffen und bereit. Es war eine Zeit, in die ich mich oft zurücksehne. Aber Palästina ist nicht Wildnis, es ist taubste Provinz, wie der Russe sagen würde. Ich kenne es jetzt etwas näher. Hier lebt eine ganze Schar Palästinenser, die das Jaffaer Gymnasium absolviert haben und nun in Paris studieren. Es ist alles kleines Mittelmaß mit dem Horizont einer Provinz — nur verroht durch den Krieg, wie so viele dieser Jugend und durch den Nationalismus der Legionen! — aber einer ist darunter, ein junger Mensch mit einer inneren Vitalität und einer Reinheit, wie sie heute so selten sind. Er vereinigt in sich die scharfe, treffende Beobachtungsgabe unserer besten Novellisten mit der Unberührtheit und allem Menschlichen offenen Güte des jungen Menschen. Er liebt Erez Israel, er kennt nichts anderes, immer wieder, in allen Sehnsüchten und Vergleichen und Freuden taucht es ihm auf und noch nie ist es mir so lebendig geworden, wie bei ihm, wenn er erzählt. Aber er gibt auch diese ganze stagnierende enghorizontige geistige Athmosphäre wieder. Wir sehen alle Erez Israel, nicht wie es ist, sondern mit den Augen des Träumers. Man muß sehr stark sein, um unten sich behaupten zu können, oder man muß in Gemeinschaften hinuntergehen. Und selbst dann müssen es Menschen von — ich finde keinen andern Ausdruck — europäischem Bewußtsein sein. Ich möchte hier noch eines sagen: als ich in Berlin war, sprachen dort einige meiner Freunde und Bekannten davon, als Bauern nach Palästina zu gehen. Es waren dies geistige Menschen, die noch nie einen Pflug geführt hatten und Gerste vom Weizen nicht zu unterscheiden wissen. Auch ich hatte einmal so gedacht. Du wirst Dich an den Schluß meines „Der Geist des Orients" erinnern. Das schrieb ich 1913. Du erinnerst Dich ja an die Atmosphäre, in der wir damals im Barkochba gelebt haben. Träume von Reinheit, die Tolstoi um uns gewoben hatte. Warst du ja einer unserer Ersten. Heute möchte ich das nicht mehr schreiben. Es soll sich keiner in Masken verkleiden. Treiben wir keine Fastnachtsscherze, sondern entwickeln wir jeder ernst das, was in uns tatsächlich liegt, in Erez Israel. Der eine ackere, und der andere baue Straßen, der eine lehre und der andere nähe Schuhe oder heile Kranke. Was für ein Glück wäre es, wenn unsere helden-