Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 652 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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- IRI
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Hans Kohn: In einem Roman, den ich unlängst las und in dem auch manche traditionelle Weisheit eines asiatischen Volkes nachklingt, fand ich vieles über das Problem des Nationalismus, was auch uns zu denken geben sollte. Der Roman ist künstlerisch in manchem etwas naiv, aber er rührt an Wesentliches. Es ist eine milde Weisheit darin: sich zu bemühen, gut zu sein und seine Fehler zu dämpfen. So wenig als möglich andere verletzen. Für sein Volk arbeiten und doch die anderen nicht vergessen. Möglichst gerecht und durch Leidenschaft ungetrübt sein. Im engen Heim der Welt offen zu stehen. Mittendurch klingen die das Volk aufrufenden Lieder des erwachenden Nationalismus. Die menschlichen Entscheidungen und Selbst- Prüfungen, die dieser mit sich bringt, werden aufgezeigt. „Wo unser Vaterland sich selbst als Endzweck setzt, da gewinnt es Erfolg auf Kosten seiner Seele. Wo es das Höchste und Größte als letztes Ziel sieht, da versäumt es vielleicht den Erfolg, aber es gewinnt an seiner Seele. — Gibt es dafür irgend ein Vorbild in der Geschichte? — Der Mensch ist so groß, daß er nicht nurden Erfolg verschmähen, sondern auch das Vorbild entbehren kann." Und eine andere Stelle, die so gut auf unsere heutigen Verhältnisse paßt und die ein indischer Achad Haam geschrieben haben könnte: „»Das Glück ist an unsere Tür gekommen und klopft an, nur um uns zu zeigen, daß wir nicht in der Lage sind, es aufzunehmen, — daß wir nicht alles bereit gehalten haben, um es in unser Haus bitten zu können.« — ))Nein«, war die Antwort, »du redest wie ein Atheist, weil du nicht an unsere Götter glaubst. Uns ist es ganz deutlich offenbar geworden, daß die Göttin mit ihrer Gabe gekommen ist, doch du mißtraust den augenfälligen Zeichen ihrer Gegenwart.« — »Gerade, weil ich so fest an meinen Gott glaube, bin ich so gewiß, daß wir noch nicht zu seinem Dienste bereit sind. Gott hat die Kraft, uns seine Gaben zu geben, aber wir müssen die Kraft haben, sie anzunehmen, (c" Größe und Glaube fehlt uns. Darum sind wir auch so nervös. Und ich möchte gerade nach der Londoner Konferenz es doppelt betonen: zügeln wir unsere Nervosität, unsere Kritiklust, unsere Uneinigkeit. Das, was wir äußerlich in der Galuth durch den vollständigen Zusammenbruch des Ostjudentums und in Palästina in den neuen politischen Möglichkeiten erlebt haben, steht in keinem Verhältnis zu unserer inneren Kraft, zu unserer Bereitschaft. Es gilt geduldig sein, zu bauen und zu bereiten, bis an die Grenze des Möglichen alles tun, was in unseren Kräften steht. Allzuviel Krisenstimmung, allzuviel Verlangen nach in der gegebenen Lage Unmöglichem auf praktischem Gebiete wird nur schaden. Ich hoffe, daß das unsere Freunde in Mitteleuropa und in Palästina einsehen werden. Denn das sind die Gegenden, auf denen jetzt unsere Hoffnung ruht. Amerika ist noch nicht zionistisch und das Ostjudentum hat man bei uns zu sehr im Schimmer der Romantik gesehen. Und besonders heute, wo noch sein furchtbares Schicksal hinzukommt, ist es zu voll dilettantischer Nervosität, um aufbauen zu können . -