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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 651

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
651 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Briefe an freunde 651 Baron Hirsch das Wesentliche war. Daß die Kolonisation in Palästina möglichst zweckmäßig vor sich gehe, daß Fachleute sie nach sachlichen Gesichtspunkten leiten, ist als wichtig energisch zu fordern. Aber all dies muß geleitet werden von dem Bewußtsein des Endzieles, das über jedes Kolonisationsunternehmen hinausgeht. Wir wollen das Gleiche wie die Amerikaner, aber es ist wesentlich, in. welchem Geiste man es will. Und aus dieser Einstellung unseres Willens auf die Neuwerdung des jüdischen Volkes folgt nicht nur unsere verschiedene Stellung, zur hebräischen Kultur, sondern auch zur Frage der Galutharbeit. Wir wollen nicht eine bloße Kolonisierung Palästinas durch das Kapital und unter der Leitung jüdischer Notabein, wir wollen nicht etwas, was Ioint, Ica und Alliance ebenso und vielleicht besser machen können als wir. Wir wollen einen neuen lebendigen Strom in alle Glieder des jüdischen Volkes gießen, dazu brauchen wir Palästina, dazu brauchen wir eine starke Galuth, dazu brauchen wir Erziehungsarbeit in jedem Sinne (auch im wirtschaftlichen) an allen Enden. Und in dieser Frage kann es keine Konzessionen geben. In der Frage des Geistes, des Gerichtetseins auf unser Ziel. Dagegen sah ich in London eine andere Gefahr sich vor uns aufrichten, eine ungleich schlimmere als die Nichtnationalisierung des Bodens und eine, der ich unsere linken Gruppen ebenso verfallen sah wie die rechten: das ist die Gefahr des Nationalismus. Du weißt, wie ich hierin denke: daß alles menschliche Sein in die physiologische Bedingtheit des Vererbten eingebettet ist und daß jede menschliche Kultur aus ihren historischen Traditionen hervorwachsen muß. Nationalismus im Sinne der Zugehörigkeit zu einer geschichtlich bestimmten Gruppe ist eine Naturtatsache und zugleich eine Forderung der Kultur. Aber Nationalismus darf nie zu einer ethischen Richtschnur werden. Vor allem ist es nie das Wohl der Nation, das wirkliche oder das vermeintliche, das Ziel und Norm unseres Handelns sein darf. Beim Zionismus aber ist die Tendenz, zu einem Nationalismus des Sacro egoismo zu werden, immer deutlicher, je mehr wir uns staatlicher Selbständigkeit zu nähern glauben. Nationalismus ist ein Wort, das alles erlaubt macht. „Right or wrong, my country" — das gilt es zu bekämpfen und das erscheint mir wesentlicher als selbst die Kolonisationsprobleme. Die Frage lautet, ob etwas gut oder schlecht ist, nicht ob es uns und unserm Volke nützt oder schadet. Hat Achad Haam gelehrt, den persönlichen Egoismus zu überwinden, so muß uns heute gelehrt werden, den nationalen Egoismus zu überwinden. In unserm Volke war der nationale Egoismus immer sehr stark, eingestandenermaßen so stark wie bei den andern uneingestandenermaßen. Immer aber waren Strömungen da, die darauf hinwiesen, daß Ich und Volks-Ich nicht das letzte seien, die gegen jede nationalistische Schönfärberei, jedes „Heldenpathos" und jede Erweiterungsgier zu Felde zogen. Ich glaube, wir werden guten Traditionen unseres Volkes folgen, wenn wir gleich im Anfang immer wieder fordern werden: hier ist kein Boden für das, was die heutige große europäische Presse „Nationalismus" und seine „heiligen Güter" nennt.

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