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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 650

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
650 (sequence 6)
Language
German
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650 fetans Kohn: vergleichen ließe. Man geht hier oft wie ein Trunkener durch die Straßen, wobei einen eine ungekannte Leichtigkeit, ein seltenes Glücksgefühl erfüllt: die -Ausblicke sind groß, der Himmel zart, die Luft wohlig mild und das Ganze von einer Monumentalität, die gleichzeitig von heiterer Lebendigkeit durchströmt ist. Da beginnt man auch die größeren Linien der Krise unserer Bewegung auf einem klaren Himmel zu sehen: die zornige Enttäuschung, die einen zuerst beseelt hat, schwindet. Wie es im Einzelnen war, weißt Du ja aus Zeitungen und anderen Berichten. De*r Kampf zwischen Amerikanern, von denen Brandeis einen sehr unzionistischen (ich verstehe darunter, daß er garnicht ahnt, was Zionismus in seiner bisherigen historischen Evolution ist, sondern daß er völlig der Ideologie der rassenlosen amerikanischen Großbourgeoisie verfallen ist und ihn im Grunde der ach so bedeutungslose Kampf zwischen Demokraten und Republikanern um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten mehr interessiert), aber einen sehr sympathischen Eindruck macht (persönliche Reinheit, desinteressierte Ehrlichkeit) — der Kampf zwischen Amerikanern, wie gesagt und Zionisten, „zwischen Bourgeois und Sozialisten, wobei alle diese Schlachten im luftleeren Raum der Redelust geschlagen wurden, war nicht so niederdrückend wie das Fehlen jeder leitenden Intelligenz, das Durchspüren erbärmlicher Eitelkeiten. Manchmal kam man sich vor wie unter Gespenstern: Menschen, die auf Grund jahrelanger „Ersitzung" oder nie korrigierten Zufalls sich als Führer berufen fühlen, stellen in wesenlosem Hin- und Hergerede ihre Eitelkeiten vor sich selber hin. Das macht traurig. Hier bin ich wieder froh geworden. All dies Reden von Krise hat keine tiefere Bedeutung. Wir habenschwerere überlebt. Wir sind nervös geworden und haben in der allgemeinen Auflösung seit hundert Jahren auch unser Vertrauen verloren. Was ist eigentlich geschehen? Unsere Bourgeoisie haben ■wir doch immer als herzensträge, heuchlerisch und egoistisch gekannt wie die der anderen Völker und die Forderungen der Amerikaner — wenn man von manchen naiven Ungeheuerlichkeiten des Herrn Brandeis absieht, wie der Ehrenpräsidentschaft — fußten auf richtigen Beobachtungen, die sie nur von ihrem falschen Standpunkt aus auf andere Sphären ausdehnten. Die Erkenntnis aber, die den Amerikanern gefehlt hat, hat scheinbar auch ihre Gegner nicht geleitet — und dies hat den quälenden Eindruck hervorgerufen. Der Zionismus ist eine Bewegung der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes. Diese Wiedergeburt muß die wesentlichen schöpferischen Kräfte, die im Volke schlummern, zu neuem Leben erwecken. Hierzu bedarf es einer wirtschaftlich-politisch gesicherten - Existenz, des Volkes. Das Wesentliche aber ist die darüber hinausgehende moralisch-geistige Existenz. Nicht der Judenstaat ist das Wesentliche, nicht er ist das Ziel, sondern er ist nur eine Vorbedingung, ein Mittel für die moralisch-geistige Steigerung jüdischen Lebens. Daher ist die Kolonisation in Palästina nicht das Wesentliche, wie etwa die jüdische Kolonisation in Argentinien an sich für

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