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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 649

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
649 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Briefe an Freunde 649 Anteil nehmen. Und ist man innerlich rein darauf eingestellt, so kann es geschehen, daß aus unserer gesammelten Stimmung heitere Ruhe ausstrahlt wie ein Licht, ein winziges Licht, das nie und nimmer zur Flamme der Menschheit, zur Fackel des Volkes wird (und bei der krankhaften Anstrengung dazu, könnte es leicht völlig erlöschen), aber, das doch manchem die Wege seines Lebens zu beleuchten hilft ... Ich denke oft an die Zeit in Sibirien, an das Band, das uns damals verbunden hat. Die Krankheit Europas in dieser Zeit ist seine Vereinsamung, die keine Vereinigung durch Gesetz oder Zwang (und sei es selbst der scheinbar ideelle Zwang des Nationalstaates) zu überwinden vermag. Drüben aber schlössen wir uns oft zu Gemeinschaften zusammen, die freie Sympathie und auf Vertrauen begründete Disziplin zusammenhielten. Freundschaft, wie sie frühere Zeiten gekannt hatten, lebte wieder auf. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Anlehnung, nach Leitung. Selbst in diesem libertinischen Europa wird es emporwachsen, daß man sich voll Vertrauen um die stärkere Persönlichkeit schart, die natürlicher Mittelpunkt wird. Denn das ist der einzige Weg, der mir heute möglich erscheint (es seir denn, daß eine große religiöse Glut uns alle ergriffe): es werden kleine Bünde entstehen über alle Länder, wenige Menschen, einander fest verbunden, um einen Führer geschart, und diese Führer wieder in festen Bünden um einen zentralen Menschen vereinigt und diese verschiedenen Bünde wiederum in eine sie verbindende wahrscheinlich mehrköpfige Spitze auslaufen. Diese Bünde selbst wären nicht zu äußerem Wirken bestimmt, daher der Oeffentlichkeit unbekannt, geheim, aber sie würden jedem ihrer Mitglieder das Bewußtsein geben, nicht allein zu sein, nicht in Vereinsamung suchen zu müssen, sondern zu wissen, daß es Menschen gibt, auf die man sich immer verlassen kann, die auch durch Jahre und Fernen getrennt, ähnlich denken, sich entwickeln, fühlen wie wir, gleiche, unbedingte Verpflichtung ähnlichem Ziele gegenüber kennen. Du sollst nach diesem Briefe nicht glauben, daß ich traurig oder niedergeschlagen bin. Es ist eine Zeit inneren Wartens, in der ich nichts fertigstellen, nichts von mir geben kann und ich weiß noch nicht, wie das Ende sein wird, aber ich habe das feste Bewußtsein, daß, mag es rings um uns zugrundegehen, mag in einem letzten Zucken der Agonie Europa sich selbst zerfleischen, doch im Osten, in Asien neues Leben erwacht. Und es war das Glück dieser Jahre, gemeinsam die Luft Asiens geatmet zu haben. Prag, Mai 1920. _ IL . Lieber Pepi! Nun bin ich von der Londoner Konferenz zurück und möchte Dir gerne ein Gesamtbild von ihr geben. Hier von Paris aus sieht sich das alles leichter an: in London selbst spürte man das Klägliche dieser Konferenz doppelt. Hier in Paris wirkt die Stadt wie ein Zauber. Es gibt nichts, das sich ihr

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