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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 648

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
648 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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648 Hans Kohn: Diese egozentrische Anarchie unserer Zeit ist am unleidlichsten auf dem Gebiete dessen, was man heute „Geist" nennt. Jede Bindung und jede Verpflichtung von früher scheint aufgehoben zu sein. Der extremste Individualismus herrscht. Jeder macht sich mit seinem „Geiste" selbstständig. Er vergißt, daß nur der Uebermensch das „Ich aber sage Euch" an Stelle des „Es ist Euch gesagt worden" setzen darf — und selbst bei diesem Uebermenschen bleibt das, was das Ich sagt, im letzten Grunde Ueberliefertes, Uebernommenes. Heute aber ist jeder Genie auf eigene Faust, jede Disziplin, jede Ehrfurcht ist erloschen. Jeder kauft sich eine Kanone und macht sich selbständig: und diese wahnwitzige Hin- und Herschießerei wird unleidlich gefährlich. In dieser allgemeinen Anarchie hat man manchmal Sehnsucht nach der kräftigen Geistigkeit früherer Geschlechter und man sieht, welch menschliche Werte in den alten festen Bindungen der Tradition, der Ehe, der Familie, des Standes lagen, ein Ernst der Verpflichtung und des Geistes, die man heute über Bord geworfen hat, ohne etwas Neues an ihre Stelle zu setzen. Und man versteht, wenn man nicht radikal sich für den Weg der wahren, neuen, menschlichen Gesellschaft, des echten Anarchismus entschieden hat, wie heute die Besten entweder zur Rückkehr zur mittelalterlichen Zucht und Innerlichkeit oder zur menschenverachtenden Einsamkeit gelangen, die ihnen Schweigen auferlegt. Probleme erstehen vor dem Heimkehrenden, die drüben nicht waren: dort war man von der Wirtschaft losgelöst, hier ist man ihr Sklave und lernt die Bedeutung des Sozialismus als Befreiung der Persönlichkeit aus der Versklavung durch die Wirtschaft praktisch verstehen. Es sind die Probleme des Berufs und der Ehe, in denen leidenschaftliche Erfüllung durch Verquickung mit Oekonomischem ihres Wertes entkleidet wird. Der Beruf, der einen nicht in das heutige Wirtschaftsleben einstellt und einen nicht mit der „Geldgewinnung" von heute verquickt, die Ehe, die einem die stets freie Entscheidung nicht durch ökonomische Gründe unmöglich macht: das sind Probleme, wie sie an keinem vorübergehen. Sie werden bei vielen durch eine häufige Art falschen unfruchtbaren Idealismus verstärkt. Große Worte haben unklare Träumereien geweckt, eine rührende Unkenntnis des Lebens, seiner grausamen Härte und seiner tragischen Schönheit tritt hinzu und in Sehnsucht nach völlig Unerfüllbarem verzehren und verkümmern Kräfte, die richtig genützt in enger Nähe fruchtbar werden, die Schwere des Lebens den anderen mildern, ein ruhiges Glück in sich und um sich schaffen könnten. Bei dem Scheitern aller großen Hoffnungen, bei der innern Rastlosigkeit nach Weg und Ziel, bei der Unbefriedigtheit durch alle Surrogate bleibt doch immer eine Möglichkeit: im engen Kreise zu helfen, über die steinigen Straßen des Lebens in gefaßter Haltung zu gehen, mild im Verstehen und doch in Kenntnis der Grausamkeiten des Schicksals hart und lachend für fremde und eigene Schmerzen, und im .Vorbeigehen mildern, lindern, Worte sprechen, durch Taten weisen, wahren

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