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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 647

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Briefe an Freunde
Date
1920-01-01
Page
647 (sequence 3)
Language
German
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Briefe an Freunde 647 hatten, Zurückdrängung des Egoismus, Wachsen des Ernstes, hat in einer unerhörten Kraßheit das gerade Gegenteil hervorgebracht. Diese märchenhafte Steigerung von Erwerbsgier und Genußsucht, diese nach jedem Kriege eintretende allgemeine Verrohung, war schon in Sibirien bekannt — dennoch überfällt sie jeden Heimkehrenden wie ein Albdruck. Es ist ein vollständiger Anarchismus,-nicht aber der Anarchismus höchster Selbstzucht, männlichster Intensität der Leistung, von dem wir träumen, sondern jener ekelhafte Libertinismus, dessen — freilich völlig idealisierter und der Wirklichkeit gegenüber harmloser—Typus im Peer Gynt vorgezeichnet ist, der Anarchismus derZuchtlosigkeit. Nimm welches Gebiet Du willst: vom kommerziellen brauche ich Dir wohl nicht erst zu sprechen, der Begriff kaufmännische Ehre ist ein völlig anderer geworden, auf dem Gebiete der sexuellen Beziehungen herrscht die ungetrübte libido, aber selbst sie nimmt nicht die orgiastisch-grandiosen Formen orientalischer Phalluskulte an, sondern wirkt grotesk, kleinlich — aber hörst Du mehreren Schuljungen zu, so ist es das Erschreckendste: in allen ihren Worten ist äußerste seelische Verrohung und Verwilderung, ihnen fehlt jede Ehrfurcht und Scheu, kein Gesetz bindet sie, keine inneren Stimmen mahnen sie, ihre Professoren sind ihnen ein Gelächter und ihre Schule ein mit hochmütigem Spott als unwesentlich Beiseitegeschobenes. Die allgemeine Korruption beginnt bei den Kindern: im Elternhause der Schieber und Kriegsgewinnler, in der Hand von aus Not Bestechungen annehmenden Lehrern lernen sie gar zu bald, daß um Geld alles in der Welt käuflich ist, und die Welt, die sie allein kennen, ist eine Karikatur der wahren. Daß Lernen eine Würde ist, daß Teilnehmen am Leben des Geistes verpflichtet, was wir als Schüler immer geahnt haben, mochten wir es auch niemals so deutlich fassen, liegt weit jenseits ihrer. Sie „sind darüber hinaus"! Und in dieser wahnwitzigen Zeit zerbricht mit der Jugend die Hoffnung auf die Zukunft. Unsere Jugend im Osten: herangewachsen unter unendlichen körperlichen Leiden und Entbehrungen, entkräftet und halbverhungert, im Angesichte blindwütender Greuel zerbrochen oder verhärtet, ohne Schulbildung und ohne Glauben —■ im Westen aber eine Jugend, die ein verkleinertes und verzerrtes Spiegelbild der russischen nach dem Mißlingen der] ersten großen Revolution von 1905 ist: an der Möglichkeit einer Verwirklichung der Idealsetzung verzweifelnd, wenden sie sich teils mit selten beharrlichem Fieiße engem Studium zu, Fachwissen mehrend, künftige Tüchtigkeit auf ihrem Gebiete vorbereitend — aber jede Sprengung dieser ruhigen Enge, jeden Wirbelwind-aus fernen Weiten ängstlich meidend — oder sie ergeben sich laszivem Genüsse: haben doch alle großen Formeln und Wertschätzungen, die man im Kriege als Parolen ausgeworfen hat, sich als Lüge erwiesen, hat doch eine noch stumpfere Reaktion als vor dem Kriege eingesetzt, ist doch alles schlimmer geworden — und der einzelne fühlt sich mit all seinem Wollen ohnmächtig diesem Geschehen gegenüber, das über ihn hinweggeht, und verzweifelt, ,,,

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