Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Briefe an Freunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 646 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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- IRI
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646 Hans Kohn: äußeren und inneren Schranken, Ferne wird an Nähe gemessen und kühnfordernder Berg wird zu allmählichem ebenen Gange. Die Vergangenheit mit ihren Bindungen, die immer irgendwie Verpflichtungen sind, — Familie Verwandtschaft,Freundschaft—die man schon unwirklich glaubte—wird lebendig und die Not, sich dem Wirtschaftsleben einzuordnen, nimmt alle Stille und läßt Reifendes verkümmern. Ob man die Kraft finden wird, daraus zu entfliehen, oder die noch größere, das alles mitten darin abzutun und zu überwinden? Auch ist man notwendig fremd geworden, Jahre sind vergangen, erfüllt mit verschiedenartigem Leben, Unerzählbarem, Nie-wieder-Gemeinsamem. Andere sind an unsern Platz getreten, Liebes, von dem man geträumt, ist fremde Wege gegangen. Aber das ist Persönliches. Es färbt das Bild, gibt ihm etwas Schmerzliches, entscheidet aber nicht. Denn langsam findet man doch manches, das ist, wie es war, manche herzliche Bande knüpfen sich wieder, man tut manchen Blick in Tiefen menschlicher Herzen und sieht da Reines und Ringendes, Willen und Jugend .... eine Kluft bleibt doch. Und in das etwas hochmütige Wissen, daß man drüben reifer und weiter geworden ist, mischt sich die Wehmut des „es hätte können sein." Aber das Allgemeine. Ich glaube, es ist schwer, sich nicht nach Rußland zu sehnen. Rußland ist doch Asien. Ich konnte früher nie verstehen, warum jüdische Studenten aus Rußland" bei uns Heimweh nach der großen Tiefebene hatten, warum sie bei Samowar und russischen Zigaretten mit Liebe von Rußland sprachen, dem Rußland des Zaren, der Pogrome! Heute verstehe ich es. Ich habe in diesen Wochen versucht, es in Worte zu fassen, vielleicht ist es dies: Hier bei uns tritt der eine dem andern von vornherein mit Mißtrauen gegenüber, eine Schranke steht zwischen Mensch und Mensch und ach, wie selten stürzt sie ein, in Rußland dagegen fand ich zum ersten Mal Herzlichkeit, innerliche brüderliche Nähe von Mensch zu Mensch, Vertrauen von vornherein, orientalische Gastfreundschaft ohne Neugier nach Rasse und Namen. Wer Du auch bist, man ist Dir gleich nah und statt höflich-gemessener Fremdheit kann es geschehen, daß Du und er nach einer halben Stunde einander küssen und in der nächsten beschimpfen. Alles nimmt nähere, wärmere Formen an: da ist die herzliche Umarmung beim Wiedersehen oder Abschied, da ist das Abstreifen der Handschuhe selbst bei größter Kälte beim Händedruck, damit die Berührung inniger sei, da ist die patriarchalische Beziehung zur Dienerschaft und zum gemeinen Volke, die eine innere Anteilnahme ermöglicht, die das Verhältnis primitiver, aber menschlicher macht. Zu dieser Herzlichkeit kommt noch ein zweites: man lebt in Rußland stärker, wirklichkeitsnäher. Der Versuch, Ideal und Wirklichkeit in Einklang zu setzen, ist dort aufrichtiger. Enthusiamus und Opfermut öfter und wahrer. Diese stärkere Hingabe ans Leben macht Rußland für den Europäer zum Erlebnis. Europa aber findet der Heimkehrende in einem erschreckenden Zustande vor. Der Krieg, von dem wir im Anfang eine läuternde Wirkung erwartet