Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Geschichte der österreichisch-jüdischen Kongressbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 637 (sequence 4)
- Language
- German
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Öie Geschichte der österreichisch-jüdischen kongreßbewegüng einmal nach langen Kämpfen doch durchsetzen müßten, besser vorweggenommen werden ..." Obwohl die nationalkulturelle Autonomie nach Rosenfeld die Institutionen der staatsgleichen Nationen Renners übernimmt, ist demnach der grundlegende Unterschied der, daß nach dem ersten Schema das jüdische Volk kein Gliedstaat ist, nicht sein kann, da ihm die unumgängliche territoriale Grundlage fehlt. Ohne diese ist aber eine staatliche Verwaltung, besonders die Lokalverwaltung, die Renner durch die Einführung von national möglichst einheitlichen Kreisen den Nationen übertragen will, unmöglich. Innerhalb der nationalkulturellen Autonomie für das jüdische Volk kann demnach von einer Uebertragung der Personalhoheit des Staates, „kraft deren er allen Individuen, die er auf seinem Gebiete vorfindet, gebietet und verbietet, sie rekrutiert und arretiert, von ihnen Abgaben erhebt," keine Rede sein. Die (dem Rechte nach allerdings staatliche) Personalhoheit soll jedoch der Ausübung nach im Rennerschen System „prinzipiell und. in allen Fällen, in denen es möglich ist, durch nationale Körperschaften oder durch die von ihr bestellten Organe im übertragenen Wirkungskreis ausgeübt werden." — Vor der Überschätzung des Personalitätsprinzips und der schematischen Anwendung des Rennerschen Systems auf das jüdische Volk hat schon 1910 Maxim Anin (wie kurz darauf, 1912, Adolf Böhm in einem Aufsatz in der Prager „Selbstwehr") in einer kleinen, aber wertvollen Schrift*) gewarnt. Die betreffende Stelle sei hier wiedergegeben: „Was die vorbehaltslose Uebertragung der Forderung national-personaler Autonomie (so nennt Anin fälschlicherweise das Rennersche System), wie sie für die Nationen Oesterreich-Ungarns vorgeschlagen - worden ist, auf die Juden betrifft, so bedeutet sie ein völliges Verkennen des Wesens der "Judenfrage einerseits und der Bedeutung des Personalitätsprinzips in der Lösung der Nationalitätenfrage überhaupt andererseits. Den wahren Inhalt der Judenfrage, als eines Problems einer exterritorialen Nation, bildet die Unmöglichkeit der ungestörten Entfaltung aller Seiten ihres nationalen Daseins, vor allem aber einer ungestörten sozial-ökonomischen Entwicklung. — Man übersieht dabei vollständig, daß bei den Juden keine der für die Verwirklichung der national-personalen Autonomie notwendigen Voraussetzungen gegeben sind. Wir haben bereits festzustellen versucht, daß das Personalitätsprinzip nur als Ergänzung und Korrektur der national-territorialen Abgrenzung einen realen Wert hat. Mit anderen Worten — nur für diejenigen nationalen Minderheiten kann die exterritoriale Autonomie von realer Bedeutung sein, die sich auf eine nationale Majorität anderswo stützen können. Denn nur der unmittelbar-physische und mittelbar-geistige Verkehr mit dieser kompakten, sich normal entwickelnden nationalen Mehrheit kann den nationalen Minderheiten die Kräfte zur weiteren Existenz und Fortentwicklung geben. Besitzen sie aber eine solche Kraftquelle nicht, besteht z. B. die ganze Nation aus lauter Minderheiten, so mag -) Maxim Anin. Die Nationalitätenprobleme der Gegenwart Eine staatsrechtlichpolitische Studie. Riga 1910.