Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 632

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
632 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101173-3106178--4582-3106209
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

632 Arnold Zweig: niemals werden. Sie sind es schon heute in gewissem Grade; dem Ostjuden gegenüber tritt der Deutschjude mit einem kälteren und gehemmteren Gefühl als etwa dem deutschen Polen oder nichttirolischen Italiener; und wir werden erleben, wie diese Sachlage sich entwickelt. Es wird aber immer Verhältnisse geben, in denen die menschliche Teilnahme über die Grenzen des Staates hinausgreift; das ostjüdische Elend wird trotz aller Anstrengungen noch lange genug bestehen bleiben, um den Deutschjuden immer und immer wieder auf die Probe zu stellen. Wehe wenn er wieder so, und in aller Oeffentlichkeit, versagt, wie er heute vor den ukrainischen Pogromen versagt hat! Als die Deutschamerikaner im Anfang des Krieges, unbeschadet ihrer Staatsbürger-Loyalität, für Deutschland leidenschaftlich Partei nahmen und dabei verharrten, hatte man hierzulande dergleichen von ihnen erwartet und niemand rechnete es ihnen zur besonderen Tugend an; wenn die Deutschjuden in friedlichen Umständen sich ihrer Solidarität mit den Juden auf der Erde bewußt bleiben, werden nur die Träger des Differenzaffekts ihnen das zur Last legen, und wir werden es auch tun, wenn jene tatsächlich dieses Band ableugnen sollten. Die Deutschen in Böhmen und Polen, gesetzt daß die Landkarte von heute auch die von morgen und übermorgen bleibt, werden ihr Deutschtum gegen den nationalen Differenzaffekt auf lange hin zu verteidigen haben, wobei erschwerend die tyrannische Politik der früheren deutschen Regierungen gegen diese heutigen Staatsvölker mitspricht, welche von denselben Deutschen willig mitbewirkt worden ist; dergleichen Parallele gibt es für die deutschen Juden nicht, sie haben nie unterdrückt: und v/as den Deutschböhmen und Deutschpolen recht ist, sollte den Deutschjuden, dem Affekt gegenüber, der sie befeindet, nicht billig und möglich sein — eine Verbundenheit unlöslicher Art mit allen anderen Juden, Akte der Solidarität beim Aufbau der jüdischen Siedelung, Akte der Solidarität in aller Oeffentlichkeit und mit der Sicherheit des guten Gewissens, zur Rettung des Ostens?. Sie sind möglich und sind Pflicht, auch, und vor allem, den Ostjuden gegenüber, die in Deutschland versprengt leben, und gegen die, als völlig Schutzlose, der antisemitische Affekt sich am lautesten tummelt. Niemand verlangt den Schutz von Verbrechern; dem Antisemitismus aber ist es schon Verbrechen, Jude, und doppeltes, Ostjude in Deutschland zu sein. Man könnte nun noch, und es wäre eine heitere und malerische Aufgabe, die Verhaltungsweisen beschreiben, die das deutsche Judentum den verschiedenen Modi des Differenzaffekts gegenüber einzunehmen hat oder tatsächlich einnimmt. Aber aus allem Gesagten gehen sie mit Deutlichkeit hervor, und es sei der Phantasie, Sach- und Menschenkenntnis des Lesers überlassen, sie sich auszudenken. Als Regulativ aber hat immer zu gelten, daß jedem Affekt gegenüber Besonnenheit, Mut und Humor am weitesten hilft. Wer einem Zornigen ängstlich, einem Neidischen demütig, einem Habgierigen schüchtern gegenübertritt, muß stets die Folgen solcher Ermutigungen tragen ebenso wie der Gegentyp, der sich selbst zu Affekthandlungen hinreißen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.