Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 633 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Öer heutige deutsche Antisemitismus 633 läßt. Daß der Klügere nachgebe, gilt vielleicht unter Befreundeten und ganz sicher nur für augenblickliche Verwirrungen des anderen; in unserer Sphäre aber herrschen die Gesetze, die zwischen Gegnern gelten, wo jede Höflichkeit und Nachgiebigkeit an der primitiven menschlichen Selbstachtung ihre Grenze findet. Mit schimpfenden Gassenbuben aber sich in Dialoge einzulassen, ist damit niemandem geraten; der Erwachsene geht vorüber und meditiert gelassen über die Umstände, die aus liebenswürdigen Kindern so boshafte und unflätige Kerlchen geformt haben. Es wird sich für den Deutschjuden darum handeln, ob er trotz des Gegendruckes aus seiner Natur heraus weiter öffentlich leben und tätig sein kann oder nicht, ob er die Besonderheit seines Wesens, politischer Orientierung und künstlerischer Neigung weiter darstellen kann oder nicht. Er wird seine Position innerhalb des deutschen Geistes zu verteidigen haben, oder er wird sich kastrieren und immer höhnischerer Agressivität seiner Gegner entgegenschleichen. Es ließe sich aber ein Gegenteil denken; ließe sich denken, daß, wenn die Zustände sich nicht mildern, von stolzen Deutschjuden jüdische Schulen in einzelnen Orten gefordert und geschaffen würden, nicht auf religiöser Grundlage, sondern auf allgemein jüdischer; es ließe sich eine jüdische Universität in Deutschland denken und die im Sein und in der Lage wohlbegründbare Proklamation eines deutsch-jüdischen Stammes und seiner provinzialen Kultur parallel zur Existenz eines westfälisch-sächsischen, fränkischen, bayrischen, thüringischen Stammes — immer innerhalb des deutschen Geistes und Volkes, deutscher Existenz und Kultur; keine feindliche oder aggressive sondern eine vereidigende und bewahrende Abgrenzung innerhalb der deutschen Heimat: und wer weiß, ob eine solche Scheidung nicht zur Reinigung der Leidenschaften und zum Abschwellen des Differenzaffekts mehr beitrüge als die Aufrechterhaltung des heutigen Zustandes? Gelebte Paradoxe zu verdeutlichen heißt sie erkennbarer, lösbarer machen . . . Aber ich weiß wohl, zu solchen Gründungen wird es nicht kommen, zu viele Einwände gültiger Art stehen ihnen entgegen, und so werden die heutigen. Formen der antisemitischen Ablehnung bestehen bleiben, solange das deutsche Judentum besteht, dessen Assimilation es ebensowenig vor ihr schützen wird wie die französische Judenassimilation, die radikalste Europas, vor dem französischen Antisemitismus geschützt hat. Denn der Anteil des deutschen Juden am Entstehen des Antisemitismus ist das jüdische Blut in ihren Adern und der hypertrophierte Nationalismus auf der Erde, der den religiösen Fanatismus, jene frühere Form des Differenzaffekts, würdig ersetzt hat.