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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 631

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
631 (sequence 11)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 631 Volke zurechnet und das Nationale von ihm empfängt und anerkennt, oder ob er, die Eminenz des Voikshaften als Sozialist verneinend, sich der sozialistischen Menschheit zurechnet und in deren deutscher Abteilung aufgeht. An sie aber auch ergeht die Forderung des Minimums, von dem auch sie nicht weichen dürfen, ohne an ihren menschlichen Werten Schaden zu nehmen. Sie müssen ihren Kindern nicht nur das reine Bild des deutschen Geistes übermitteln, wie sie ihn leben, sondern auch, nach ihrer Möglichkeit, ein reines Bild des jüdischen Wesens und Wertes, so gut immer sie es wahrnehmen können: ihnen die Antriebe deuten, die sie von ihm empfangen, ihnen die jüdischen Lebensgesetze nicht verhalten, die zu den Formen .der jüdischen Religion geführt haben, ihnen diese Religion als Kreuzung urjüdischurmenschlicher Anlagen und national-historischer Bedingtheiten deuten und übermitteln, ihnen den stolzen und fürchterlichen Weg des Judenvolkes durch die abendländische Welt weisen, ihnen die Existenz dieses Volkes als eines besonderen, geistig entscheidenden Menschengebildes auf der ganzen Erde und in allen Abschnitten der Menschengeschichte kundgeben und sie nicht hindern, wenn sie sich intensiver mit jüdischen Werten sättigen wollen, als ihr Elternhaus es ihnen zeigt. Voraussetzung dafür ist — und das sieht heute noch leicht aus, wird aber von Jahr zu Jahr schwerer werden —, daß .sie sich selber die Bewertung des Jüdischen nicht vom Differenzaffekt diktieren lassen dürfen. Welcher Entwertung, welcher kalten Entstellung alles Jüdischen werden diese Kinder in der Atmosphäre der höheren Schulen begegnen, im Verkehr mit ihren Kameraden und auf der Straße! Jedem einzelnen Falle, der das Kind antastet, muß von den Eltern mit der Richtigstellung begegnet werden, die es verlangt^ jedem einzelnen Fall muß auch in dem anlaßgebenden Umstände entgegengetreten werden. Ein 'aktiv jüdisches Verhalten und nicht das ängstlich passive Hinnehmen liegt in diesem Minimum, wohlverstanden, beschlossen: und wie schwer wird dies den Aelteren sein, deren Jugendatmosphäre vom Antisemitismus frei .geblieben war! Sie werden sich selbst mit jüdischen Inhalten besser befassen müssen, als vordem, oder wenigstens, wenn die Jugend danach verlangt, ihr den Weg zu besser unterrichteten Personen offen lassen. Dann wird es immer wieder geschehen, daß Jugend nach einer von Abstoßung, Entwertung und steter Verteidigung freien Luft verlangt: der Vorbote jener Wahl, die sie auf die Seite des jüdischen Volkstums treiben kann. Hier nicht einzugreifen, hier klar zu scheiden zwischen dem legitimen Anspruch des Staates auf treues Bürgertum und redlichen Bürgerdienst und den Uebergriffen eines hypertrophierten Nationalismus, der die Selbstaufgabe als Preis für Bürgerrechte verlangt: das ist auch von dem assimilierten und deutschjüdischen Juden gefordert. Und gefordert schließlich wird von ihm eine nicht vorsichtig und ängstlich abgezirkelte oder verschwiegene Teilnahme am Schicksal der Judenheit überhaupt. Mögen immer ihre Entscheidungen zuerst von ihrem Deutschtum bestimmt werden: antisemitisch dürfen sie

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