Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 630 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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630 Arnold Zweig: Ja, diese Forderung, als ideelle und sittliche, bliebe bestehen und träte erst rein hervor, wenn auf der Gegenseite gar keine Abstoßung des Jüdischen . mitspielte: wenn die demokratischen und sozialistischen Parteien den Staat auf immer bestimmten und geistig immer freier gestalteten, wenn keine politische Reaktion drohte und der Differenzaffekt der Gesellschaft schnell oder langsam schwände, so daß der junge Jude von außen auf dieses Judenwesen nie schmerzhaft gestoßen würde. Das Maximum von Forderungen an den Juden stellt, für den wahrhaften und nach dem Tau der Erneuerung dürstenden Juden, Buber auf, zuletzt in der entscheidenden Schrift Der heilige Weg, welche aus Erschütterung und Einsicht, aus Schauen, Wollen, Müssen geboren, nicht weniger als die wirkliche jüdische Existenz beschreibt, beweist und fordert ~ neben Landauers „Aufruf zum Sozialismus" das einzige revolutionäre Dokument der gesamten Aera, unter dem Auge der Ewigkeit an das zentrale Uebel der Zeit greifend und so, unter Veränderung des zu Verändernden, für jede revolutionäre Bewegung jedes Volkes gültig, die zur radikalen Aenderung des Lebens auf der Erde wirklich entschlossen ist. Aber wer hier auch nur verstehen will, muß schon reif und ganz aufgewühlt sein, muß schon wissen, daß die Erde nicht unter falscher Verteilung der Produktionsmittel als Primärem 'leidet, sondern daß auch sie schon ein Sekundäres und Symptom des eigentlichen Uebels ist, des Abfalls von der religiösen Ordnung des menschlichen Zusammenlebens. In einer anderen und weniger zentralen Seelensphäre stellt sich das Maximum dar als die Aufforderung zum tätigen Bekennen jüdischen Volkstums. Indem man sich auf seinen blut- und geistmäßigen Zusammenhang mit dem Judentum der ganzen Welt besinnt, indem man sein Jüdisches zum Primat seiner völkischen Zugehörigkeit macht, bestätigt man sich als tätiger Anhänger des nationaljüdischen und zionistischen Programms. Aber dies setzt einen Akt der Selbstprüfung und Entscheidung voraus, für den diejenigen assimilierten Deutschjuden, an die hier gedacht wird, weder den Willen noch die Voraussetzungen in sich vorfinden. Den Willen wecken, die Voraussetzungen schaffen, ist schon ein Akt, der aus dem Maximum fließt, und der mit dieser Studie über den Antisemitismus unmittelbar nichts mehr zu tun hat, wohl aber in den Zusammenhang der Judenfrage gehört und in ihr auch nach Gebühr behandelt wird — ein Akt jüdischer Politik und eine Pflicht des nationalen Juden im Galuth. Weder den Willen noch die Voraussetzung; denn in ihnen ist der geistige Zusammenhang mit dem Deutschtum das Aktive, bewußtseinsmächtig weit über das blutmäßig Jüdische hinweg, wirkender und richtunggebender als dieses, das allein nicht wahlbestimmend sein kann, weil seine geistigen Imponderabilien, die vorhin beschrieben wurden, im heutigen Juden übertönt werden von den lauten Parolen der Politik und der falschen Aufgeklärtheit dieser Zivilisation, sodaß das Ergebnis für uns dasselbe bleibt, ob nun der Einzelne sich dem deutschen