Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 629 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 629 lichkeiten leugnen kann, die aber ungerührt-von solcher Leugnung weiter bestehen und schaffen. Dem Menschen ist gegeben, dieses sein Ich nach rückwärts mit dem Bewußtsein zu erhellen; er trägt nicht nur sich in die Zukunft hinein, sondern seine Ahnen mit sich, und wie Hofmannsthals Oedipus kann auch er ihre Stimmen im Sturme am Kreuzweg über ihn bestimmend brausen hören. Wie der die Grenze des Vernünftigen überschreitet, der solche Zusammenhänge leugnet, denen die Wissenschaft recht bald auf der Spur sein dürfte, würde auch der sich, nur nach Entgegengesetztem, der Grenzverletzung schuldig machen, der aus solchen Gesetzen der Tradition bewußt die Formen bestimmen wollte, in die das Leben seiner Kinder hineinzuwachsen hätte. Dunkel und darum frei für jeden Vorstoß steht vor ihnen, den Fortsetzenden, die Zukunft; und das große Siegel des menschlichen Geschicks, die Freiheit der Wahl, die immer offene Möglichkeit, ererbte Antriebe neu zu ordnen und in unverhofftem Zusammentreten von Augenblick und Tradition das Leben aus Eigenem weiterzuführen, gesteigert oder gekreuzt von Willen und Schicksal, diese das Leben selbst symbolisierende Freiheit muß ihnen erhalten bleiben. Alle Generationen vor uns — nun wird von den deutschen Juden und zu ihnen geredet — hatten es leicht, dies instinktive Gesetz zu befolgen; es gab für sie als Ganzes keinen Kreuzweg. Als deutsche Juden lebten sie schlecht und recht eine ganz unparadoxe Einheitlichkeit: der Staat, dem sie dienten, die Zivilisation, die sie begehrten und annahmen, und das Judentum, das sie — in moderner, das heißt ganz matter, ganz unverbindlicher Weise, doch unaufgebbar — waren, gingen ohne Schnitt nebeneinander her, und die Demütigung ihrer nur theoretischen oder halben, nie praktischen und vollen Gleichberechtigung mit allen anderen Bürgern dieses Staates nahmen sie als zeitlich bedingte Bürde, in der Hoffnung auf gerechtere Tage, zum Erbteil ihres Stammes, dem Dulden eines göttlichen Verhängnisses und menschlicher Dummheit. Darum kamen sie als Ganzes nicht in die Lage, dieses Judesein ihren Kindern vorzuenthalten, es vor ihnen zu verbergen oder zu diskretisieren: denn Judesein war von innen her ein Minimum von Gebräuchen, nur eine Konfession mit anderen Feiertagen und einem Sabbat statt des Sonntags, und Demütigungen von außen. Diese Sachlage hat sich völlig verkehrt. Heute trennt sich das jüdische Volk von den andern Völkern in dem Augenblicke, wo das deutsche Staatswesen, das heißt die Regierung mit der vollen Gleichberechtigung der Juden Ernst macht, und der Differenzaffekt der Abstoßung geht akut und lodernd auf die bürgerliche Gesellschaft über, gegen deren Ablehnung heute weder Taufe noch Mischehe schützt; zugleich aber macht das Judentum ein Maximum von Forderung geltend, indem es sich als Nation konstituiert, in den Ländern jüdischer Massensiedlung und den Nationalitätsstaaten politische oder kulturelle Autonomie beansprucht und ein jüdisches Gemeinwesen gründet, das sich mit den Arabern auf autonomer Basis einigen wird: das neue Land Israels.