Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 628 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Arnold Zweig: ist ein Akzidenz und eine biologische Unwesentlichkeit, manchem eine Bereicherung persönlicher Fülle, keinem aber das Entscheidende. Sie wissen zu gut, daß dieses deutsche Volk ein Gemisch von deutschen Stämmen tiefster Verschiedenheit, slawischen Grundschichten, keltischen und romanischen Einsprengseln ist, und fügen den jüdischen Bestandteil diesem werdenden Volkstum gelassen und gerechtfertigt ein. Und wir sind nicht dumm genug zum Widerspruch. Sie sind es, die heute zu tiefst am Antisemitismus leiden, nicht wir — denn kein Differenzaffekt und nicht der. Tod ist imstande, uns an unserem Wesen irre und am Besten das wir haben, unserem jüdischen Erbe, leiden zu machen; unser Leid kommt wie unser Glück vielmehr aus ihm selbst, aus seiner Entstellung, Gespaltenheit, Verworrenheit und Erniedrigung, nicht aus den Meinungen und Taten über und an uns — und zu ihnen, unseren edlen Antipoden und Widersachern reden wir am liebsten, ja, vielleicht spricht diese ganze Erörterung am tiefsten zu ihnen, den Schaffenden deutscher Gegenwartswerte wie den nur Aufnehmenden. Ihnen, Leitenden und Überlegenen, tief Verwirrten und still Gefaßten legen wir das folgende vor. 9- Die Aufeinanderfolge der Geschlechter ist keine biologische Angelegenheit, sondern eine vitale; das heißt eine vom Leib getragene und verkörperte geistige Tatsache. Sie enthält eine Verpflichtung und ein wirksames, menschenformendes Prinzip, dessen abschwächender und heute unverbindlicher Name Tradition ist — Tradition, mehr noch wirkend im Unbewußten als im Bewußten, in der Anlage und den menschenformenden Mächten der unerkannten Seele heftiger diktierend als in den Inhalten und Leitsätzen führender Bewußtheit. Der einzige Psycholog großen Formats im deutschen Geiste, Nietzsche ist es, der gelegentlich anmerkt, wie tief im geistigen Menschen der Habitus seiner Ahnen nachwirke; daß eine Ahnenreihe von Pastoren und Theologen eine radikal andere Geistigkeit schaffe als die von Beamten und Offizieren oder Kaufleuten. Und was er da an sich selbst beobachtete, ist der Nachprüfung jedes Einzelnen offen: wer etwa zum Urgroßvater einen Landwirt und Kretschampächter, zum Großvater einen Kretschampächter und Schlächter, zum Vater einen Handwerker hat, kann sich unmöglich dem geistigen Typ des Städters und Kaufmannsohnes angleichen, selbst wenn er es wollte: er wird gebundener im Sinnlichen, der Wirklichkeit der Welt offener und dem Material seiner Kunst — gesetzt er gerate unter die Künstler — traditionell befangener, gesetzmäßiger, weniger spielend und frei schaltend gegenüber stehn, seine Antriebe und Aufgaben aber weniger aus dem Willen und dem Bewußtsein empfangen und naiver, unreflektierter, im Handwerklichen gewissenhafter hinter seinem Werke und an ihm verbleiben. Diese Diktate ererbten Wesens sind keine Konstruktion, vielmehr Wirkungen einer geistigen Kraft und sehr tätige Wirklichkeiten, die der rationalistische Individualist, welcher hinter sich nichts dergleichen spürt, wie alle untast- und unmeßbaren Wirk-