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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 627

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
627 (sequence 7)
Language
German
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Der heutige deutsche Antisemitismus 627 aber sprechen können wir weder für sie noch zu ihnen, und nur vertrauen, daß die Atmosphäre um unser Sein und Tun sie eines Tages treffen und innerlich berühren wird. Jener Mehrheit weiter, die das Praktische und den Geist zu trennen so arg geübt ist, werden wir uns eher nähern können: schon indem wir ihnen sagen, daß sie weder Vom Geiste des Lebens mit Menschen und Dingen noch vom Geiste des Lebens mit Gedanken und Kunstwerken auch nur einen richtigen Hauch spürten. Der Sinn jeder großen Kunst und jedes einzelnen Werks geht auf die Vergeistigung und den gesteigerten Adel des Lebens, jenes täglichen praktischen Lebens, das sie mit so irrsinniger Selbstverständlichkeit — und hierin tun sie wie die ganze Erde, nicht nur wie ganz Deutschland — als Ding für sich, mit ausmünzbaren Gesetzen und Prinzipien, behandeln. Man müßte sie aus diesem Irrsinn Schritt für Schritt zurücktreiben durch Argument und zwingende Darstellung, bis sie nachdenklich werden über sich — um sich schließlich in eine lachende Majorität von Aufzugebenden und in eine Minderheit spalten, denen diese nachdenkliche Lebensstimmung bleibt, um sie in die schöpferische Unruhe zu treiben, aus der die Umkehr möglich ist. Denn wer auch nur dumpf zu hören vermag, was in einem Quartett von Schubert, Brahms, Beethoven sich austönt, ausraunt, auf den ist noch zu hoffen. Und so um so intensiver auf diejenigen Juden, die, unter Negation der deutschen Gegenwart, sich innig an den großen Genius deutscher Schöpfung angeschlossen haben und sich mit ihm identifizieren, die auf die Genesung des deutschen Volkes und ganz Europas vertrauen und keinesfalls, weder vor noch im Kriege und erst recht nicht jetzt im Elend sich von ihm auch nur durch gedachte Scheidungen zu trennen gewillt oder imstande sind. Sie sind heute unter den Verwaltern des deutschen Erbes die Sichtbarsten und tiefst Erkennenden, leidenschaftlich hingegeben und so eingewurzelt im deutschen Feld, daß man sie nur ausreißen kann, um sie verdorren zu sehen, und zugleich sind sie die Berührungsflächen, an denen europäischer Geist als Antike, Mittelalter und Gegenwart in seiner reinsten Schöpferkraft an dieses beste Deutschtum grenzt. Ihre Repräsentanten sind Husserl, Cohen und Simmel, Heimann, Bab und Kerr, Gundolf, Borchardt und Hofmannsthal, Bruno Walter, Siegfried Ochs und Joachim, Liebermann, Wassermann, Mombert, Döblin, Paul Adler und Sternheim — um nur einige Kategorieen durch die legitimiertesten Namen zu kennzeichnen — und Brahm und Reinhardt-); ganz und gar erfüllt das Deutsche ihr Bewußtsein und ihr Leben: und wenn sie vor einem Erlebnis deutscher Kunst erschüttert und hingerissen atmen, erleben sie mindestens so sehr das Deutsche daran wie das Kunsthafte. Ihnen sagen, daß sie Juden sind, heißt ihnen nicht viel mehr als einen besonderen Akzent auf Körperlänge oder Haarfarbe zulegen; es *) Andere Namen, die, man vielleicht erwartete: Mahler, Einstein und Landauer, Freud, Karl Kraus, Lasker-Schüler, Werfel, Beer-Hofmann, Brod und Meidner stehen schon halb oder ganz jenseits dieser Sphäre.

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